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Zwei nach Eins

Wolfgang Thierse

Bundestagspräsident 1998-2005

2. Oktober 2017, 13:05 Uhr

Wolfgang Thierse gilt seit den Tagen der Deutschen Einheit als moralische Instanz. Als Teil der Bürgerrechtsbewegung der DDR hat er den Befreiungsprozess selbst mitgestaltet, hat die Hoffnungen und Enttäuschungen vor und nach der Vereinigung beider deutschen Staaten miterlebt. Nach der Bundestagswahl erinnert er daran, worauf es in einer Demokratie ankommt.

Wolfgang Thierse [Quelle: DPA, Marijan Murat]
Wolfgang Thierse [Quelle: DPA, Marijan Murat]

Der SPD-Politiker, der von 1998 bis 2005 Bundestagspräsident und danach bis 2013 Vizepräsident des Parlaments war, hat die starke Veränderung unseres Landes miterlebt. Deswegen kann Wolfgang Thierse die jüngsten Enttäuschungen der Menschen verstehen. Der Wahlerfolg der AfD erschreckt ihn trotzdem.

Man hat zweimal im Osten Deutschlands mit Mehrheit CDU gewählt, weil man dieses Wunder glauben wollte. Das trat nicht ein. Dann hat man SPD gewählt und seine Proteststimmen zur Linkspartei getragen, und nun ist man wieder und noch mal enttäuscht, und nun trägt man – ein Teil der Leute jedenfalls – seine Enttäuschung und Wut zur AfD, die am wenigsten für sie tun kann.

"Das ist Demokratie: der Streit über alternative Lösungen!"

Im Gespräch in "Zwei nach Eins" sagt Thierse, das er auf eine starke Opposition im Bundestag unter Führung der SPD hofft. Er setzt auf demokratischen Diskurs, auf die Vielfalt der Meinungen, zugleich aber sagt er:

Verantwortliche Wähler wissen: Es ist ihre Verantwortung, wen sie wählen.

Die Politik müsse die tiefgreifende kulturelle Verunsicherung angesichts globaler politischer, ökologischer und technischer Umbrüche wahrnehmen und "alternative Lösungen" finden. Mehr Gerechtigkeit herstellen, vor allem im sozialen Bereich, aber auch im Steuersystem und zum Beispiel in der Schaffung bezahlbaren Wohnraums.

Wo liegen die Ursachen der Verunsicherung im Land?

Wolfgang Thierse ist überzeugt: Es geht darum, die Sorgen einer Bevölkerung wahr- und ernstzunehmen, die zwar zu 80 Prozent sagt, ihr gehe es gut, trotzdem aber verunsichert ist.

Wir sind auch in der Situation, wo es eine ganze Reihe von Leuten gibt, die etwas haben, was ich "Entheimatungsbefürchtung" nenne. Die Sorge darum, dass das eigene Land einem fremd wird, dass das, was vertraut ist, das gewohnte Lebensumfeld, dass das verloren geht durch diese dramatischen Veränderungen und eben auch durch die Flüchtlinge. Und dieser Faktor ist mindestens so wichtig wie sozialökonomische Unsicherheiten.

Wolfgang Thierse plädiert dafür, immer wieder das Gespräch zu suchen, auch, wenn am Ende der Dissens bleibt oder gar keine Verständigung stattfindet.

Gesprächsversuche können scheitern. Aber das spricht nicht gegen die Versuche.

Denn, so der Sozialdemokrat und Katholik, Demokratie sei keine Talkshow, sondern, "eine irrsinnige, fantastische Einladung, mitzumischen." Deswegen hofft auch Wolfgang Thierse, dass es noch vor Weihnachten eine neue Bundesregierung geben wird.

Arm in Arm mit Willy Brandt

In "Zwei nach Eins" erzählt der langjährige Poltiker auch von einem emotionalen Höhepunkt in seinem politischen Leben – die Umarmung mit Willy Brandt bei der Vereinigung der SPD in Ost-und Westdeutschland.

Das war schon ein sehr bewegender Moment, und ich hatte damals sofort das Gefühl, dass das vielleicht schon der Höhepunkt meines ganzen politischen Lebens ist, das gerade erst begonnen hatte, als ich die Tränen im Auge von Willy Brandt sah und wir gewissermaßen so die Vereinigung der großen und kleinen SPD vollzogen haben. Das war ein starkes Gefühl, das ich damals hatte."

"In meinem Kopf hat mehr als eine Meinung Platz!", sagt Wolfgang Thierse. In "Zwei nach Eins" erzählt er aus seinem bewegten politischen Leben, kommentiert das Ergebnis der Bundestagswahl und erinnert uns alle daran, dass eine Demokratie engagierte, verantwortungungsvolle Demokraten braucht. Und er sagt, wie wichtig wagemutige Politiker mit Visionen sind – wie Frankreichs Präsident Macron.

Das Gespräch zum Anhören:
SPD-Politiker Wolfgang Thierse [37:51 Minuten]

Moderation: Birgit Kolkmann

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 2. Oktober 2017, 13:05 Uhr

Mehr Informationen:

Wolfgang Thierse im Internet Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan Jean Asselborn, Außenminister Luxemburgs
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