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Zwei nach Eins

Wilhelm von Sternburg

Autor und Böll-Weggefährte

11. Januar 2018, 13:05 Uhr

Ende 2017 wäre Heinrich Böll 100 Jahre alt geworden. Der Pazifist und Nobelpreisträger brauchte seine kleinen und großen Fluchten – zum Beispiel nach Irland, nach Achill-Island, wo er nur Henry war und am liebsten seine Freunde im Pub traf. Als ganz junger Journalist begegnete Wilhelm von Sternburg dem Schriftsteller, was ihn für sein Leben prägte.

Wilhelm von Sternburg [Quelle: Radio Bremen, Jörg Blöcher]
Wilhelm von Sternburg [Quelle: Radio Bremen, Jörg Blöcher]

Heinrich Böll wurde am 21.Dezember 1917 in Köln geboren. Einer der großen Dichter Nachkriegsdeutschlands, politisch immer stark engagiert an der Seite der jungen Generation, der 68er, der sowjetischen Dissidenten, der politischen Linken, der Friedensbewegung.

"Wollen wir uns nicht mal über ihre Kritik unterhalten?"

1974 – Bölls Erzählung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" war gerade erschienen – traf Wilhelm von Sternburg auf den Schriftsteller. Da hatte von Sternburg als junger Journalist im Ruhrgebiet gerade eine Besprechung geschrieben – keinen Verriss – aber "es war eine kritische Rezension von mir", erzählt Sternburg. Sein Chefredakteur nahm ihn damals mit auf einen Empfang mit vielen Prominenten. "Ach, ihre Kritik, die hat mich interessiert, wollen wir uns da nicht noch mal drüber unterhalten?“, rief Böll aus, als von Sternburg ihm vorgestellt wurde. Und er habe ihn mitten in dieser Festveranstaltung am Arm genommen und mit ihm 20 Minuten gesprochen und ihm erklärt, wo er sich in seiner Rezension geirrt habe, erinnert sich der heute 78-jährige Journalist.

Heinrich Böll im Jahre 1982 [Quelle: Radio Bremen]
Heinrich Böll 1982

Das sei für ihn ein Schlüsselerlebnis gewesen, erzählt Sternburg in "Zwei nach Eins", es habe ihn Demut und Bescheidenheit gelehrt. Ihm habe damals sehr imponiert, wie dieser damals schon sehr berühmte Mann ihm als völlig unbekannten Journalisten die Zeit gegeben habe, weil ihn interessiert hatte, ihn, den jungen Mann, aufzuklären über seine Gedanken, die er in seinem Buch vorgetragen hatte.

Sanft, wunderbar, kühl. Und zwischendrin in dem Gespräch kamen dann auch Politiker und andere, bekanntere Journalisten auf ihn zu, er wies sie immer zurück und sagte: "Ich muss diesem jungen Mann erst einmal etwas erklären."

Böll, der Demokrat

Böll war schon damals der umstrittenste deutsche Schriftsteller, wurde selbst vom Staat in die Nähe der RAF-Terroristen gerückt und sah sich zeitweise einer regelrechten Hetzkampagne in den Medien ausgesetzt.

Böll war der engagierte Bürger, er nahm Demokratie ernst. Er nahm Verfassung ernst. Er nahm seine Positionen als der Volkssouverän, der Wähler, sehr, sehr bewusst wahr, und er zahlte dafür einen hohen Preis.

Das habe ihm sehr zugesetzt, erzählt Wilhelm von Sternburg, der 2005 für den WDR einen Film über Heinrich Böll gemacht hat.

Die Heuchelei der bundesrepublikanischen Gesellschaft über das, was geschehen war in den Jahren zwischen 33 und 45, das war für diese Jugend dann ja der Aufbruch eigentlich, der Protestaufbruch, und Heinrich Böll hat das natürlich mit großem Verstehen und mit großem Nachdenken begleitet.

Böll, der Familienmensch

Von Sternburg beschreibt, wie wichtig Böll seine Familie war. In seinen soeben erschienenen, von seinem Sohn René Böll liebevoll herausgegebenen Kriegstagebüchern ist die Familie immer wieder der Adressat seines Aufschreis über die Kriegsgreuel, ist seine große Liebe Anne Marie, seine spätere Frau, sein Fluchtpunkt.

Überhaupt war Böll ein ganz tiefer Familienmensch – sowohl als Sohn wie dann auch als Familienoberhaupt. Ich glaube, dass er nur durch die Familie im Grunde genommen überlebt hat in diesen wahnsinnig, für ihn schwierigen Zeiten.

Böll, der Kraft-Suchende

Irland, die Westküste, Achill-Island, die größte Insel an der Westküste, war ein Ort, an dem Böll und seine Frau, die ganze Familie, Ruhe fanden und ein sehr einfaches Leben lebten. Wilhelm von Sternburg, der nach seiner Zeit als Chefredakteur beim Fernsehen seit 1993 als freier Buchautor und Publizist ebenfalls häufig auf dieser irischen Insel lebte und schrieb, kann nachempfinden, was sie für Böll bedeutete.

Es war für ihn wunderbar, wenn er unbekannt war, wenn er nur Henry war in dieser Gegend. Wenn er in Irland war, war er nicht Heinrich Böll, der große Dichter, der umstrittene Intellektuelle. Sondern in Achill-Island war er einfach Henry, ging abends ins Pub mit seinen Freunden – das war sein Leben. Tagsüber schreiben, diese wunderbare karge Landschaft, diese herrliche Bucht mit dem Meer – das war seine Welt, in der er sich wohlfühlte und die ihm auch unheimliche Kraft gegeben hat.
Heinrich-Böll-Cottage in Dugort auf Achill Island [Quelle: Radio Bremen, Michael Augustin]
Das Heinrich-Böll-Cottage in Dugort auf Achill Island. [Quelle: Radio Bremen, Michael Augustin]

Böll, der Bescheidene

Er sei selten einem Menschen von solch geistiger Frische gegenübergestanden wie Böll, sagt Wilhelm von Sternburg. Auch er selbst hat einen Traum: Die Biografie über den Menschen Heinrich Böll zu schreiben.

Heinrich Böll war eigentlich ein sehr humorvoller, ein sehr zurückhaltender auf seine Art und ein sehr bescheidener Mensch. Sein Traum, das Schreiben, Schriftsteller zu werden, was er von Schülerzeiten mit sich herumgetragen hat, das erfüllte sich auf eine wunderbare Art Ende der Vierziger, Anfang der Fünfziger Jahre und führte dann schließlich bis hin zum Nobelpreis für Literatur – es hat nie etwas von seiner Bescheidenheit genommen.

Das Gespräch zum Anhören:
Tief verbunden mit Heinrich Böll: Wilhelm von Sternburg [36:40 Minuten]

Moderation: Birgit Kolkmann

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 11. Januar 2018, 13:05 Uhr

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