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Zwei nach Eins

Thomas Spickhofen

London-Korrespondent

30. August 2017, 13:05 Uhr

Thomas Spickhofen, ARD-Korrespondent in Großbritannien, war aus London eingeflogen. Aufregender könnten die Zeiten für ihn momentan kaum sein, denn seit dem Brexit-Referendum erlebt er, wie an der Themse die Fetzen fliegen. Als unser Sommergast warf er einen Blick in die britische Volksseele, erzählte von seiner Kindheit in Herne und lauschte in Downing Street No. 10.

Thomas Spickhoven und Katrin Krämer [Quelle: Radio Bremen]
Thomas Spickhoven und Katrin Krämer

Thomas Spickhofen hat über Terrorattentate und den verheerenden Hochhausbrand im Londoner Grenfell Tower mit 80 Toten berichtet. Ein harter Start. Aber er nimmt sich auch die Zeit, einen Blick auf die Royals zu werfen, den Abschied von Prinz Philip oder den 20. Todestag von Lady Di. Und längst kennt Spickhofen, der Blues- und Rock-Fan, die coolsten Londoner Musikkneipen, er weiß, wo man den schönsten Blick über die Stadt hat, wie die Fußballstadien von innen aussehen und welche Buden die besten "Fish and Chips" verkaufen. 

Der Korrespondentenalltag beginnt very british: mit einer Tasse Tee, natürlich mit Milch. Aber ohne das britische Grundnahrungsmittel "Marmite". Das hasst man oder man liebt es – "und ich liebe es nicht", sagt Spickhofen. Vielen Briten geht das anders, und als der Hersteller den Preis erhöhen wollte, nahm die Supermarktkette Tesco Marmite aus dem Programm, es entbrannte eine scharfe Auseinandersetzung:

Grundnahrungsmittel Marmite [31 Sekunden]

Der Brexit und die Volksseele

Das Thema Brexit ist allgegenwärtig, sagt er, natürlich werden viele Witze darüber gemacht, aber zum Lachen sei immer weniger Leuten zu Mute. Und es gebe auch eine ernste Seite:

Bei den letzten Unterhauswahlen haben 80 Prozent der Menschen Parteien gewählt, die den Brexit umsetzen wollen… Das ist nicht  nur eine wirre Idee von ein paar durchgeknallten Politfreaks.
Thomas Spickhoven [Quelle: Radio Bremen]

Großbritannien hat flächendeckend für den Brexit gestimmt. Einen Grund vermutet Spickhofen in der britischen Volksseele, in die er langsam eintaucht. So werde ihm eben auch klarer, was die Briten so besonders macht und – daraus folgend – warum so viele den Brexit wollen. Es geht um die starke Abneigung der Briten als ehemaligem Seefahrervolk, Vorgaben befolgen zu müssen:

Die Briten sind ein Seefahrervolk [52 Sekunden]

Die Freiheitsliebe der Briten zeige sich auch darin, dass es keine Verfassung gibt und dass der Supreme Court erst seit zwölf Jahren exisitiert. Politik und Rechtssprechung basieren sehr stark auf persönlicher Verantwortung und Einzelfallentscheidung.

Und mit dieser Haltung gehen sie hinaus in die Welt und sagen: "Gucken wir mal, was passiert."

Mal lauschen bei Theresas May

"Brexit means Brexit", sagt Premierministerin Theresa May. Und was ist los in Downing Street No. 10? Ein einziges Türengeklapper, vermutet Thomas Spickhofen. Dauernd laufen Berater rein und raus, ständig gehen Türen auf und zu. Dann kommt Boris Johnson und sagt "alles super!", danach Michale Gove, "das ist der, der Boris Johnson von hinten erdolchte… Das waren dramatische Stunden."

May und ihre Berater [36 Sekunden]

Und was macht May dann?

Irgendwann muss sie mal die ganzen Zettel durchsortieren, alles beiseite schieben und sich fragen "Was will ich eigentlich?" Das Ergebnis: Sie will Premierministerin bleiben.

Um es zu werden, hatte sie die Gunst der Stunde genutzt, um dann in einem dramatisch schlechten Wahlkampf alles zu verspielen. Jetzt regiert sie mit einer Minderheitsregierung. Am Ende wird sie eine tragische Figur sein.

Leben in London

Publikum in Rangfoyer des Bremer Theaters Thomas Spickhoven [Quelle: Radio Bremen]

Thomas Spickhofen lebt gerne in London, in seiner Wohnung mit den zugigen Fenstern, die den Vorteil haben, dass es in der Wohnung nicht schimmelt, und ohne Mischbatterie im Badezimmer. Denn Mischbatterien sind des Teufels – sie kommen vom Kontinent. Eine Wohnung im Zentrum ist für ihn wie für die meisten Briten unbezahlbar. Beispiel Kensington, ein Stadtteil, in dem die reichsten und ärmsten zehn Prozent der Londoner leben. Dort steht der Glenfell Tower, der kürzlich abbrannte, vermutlich, weil die ohnehin niedrigen Brandschutzbestimmungen nicht eingehalten wurden. Und am anderen Ende Kensingtons werden 50-Quadratmeter-Wohnungen nicht unter einer Million Pfund verkauft. Und an wen? Spickhofen hat nachgefragt, bei einem Makler:

Luxuswohnungen in London [46 Sekunden]

Der Musiker

Herner Kreuz – diese Band gab es einmal, mit Thomas Spickhofen am Keyboard. Aber wirklich gelernt hat er das Cellospielen, erzählt er. Und er spielt es bis heute. In London dachte er darüber nach, sich einen Traum zu erfüllen: Einmal in der Londoner U-Bahn spielen. Gar nicht so einfach, wie der Neu-Londoner feststellen musste:

Cello in der U-Bahn [40 Sekunden]

Die Liebe zur Musik lebt er auch zu Hause aus: Er veranstaltet Wohnzimmerkonzerte, 30 bis 40 Gäste, dazu junge Musiker, die sich in den Wohnungen ihrer Gastgeber warmspielen für die Open Air-Festivals. Eine tolle Atmosphäre mit aufgeschlossenen Menschen. Diese Offenheit schätzt Spickhofen sehr. Im Alltag zu erleben ist diese Eigenschaft auch täglich ab etwa 17 Uhr. Dann treffen sich alle in oder vor den Pubs, um ein Bier zu trinken. Ohne Berührungsängste. Jeder kommt mit jedem ins Gespräch.

Messdiener und Freizeitkicker

Thomas Spickhofen, Jahrgang 1964, stammt aus Herne. Er wächst mit drei Geschwistern in einer Techniker-Familie auf, mitten im Ruhrpott, mitten in Herne: Sonntags Messdiener, nach der Schule Cello und in der Stadtteilbibliothek nach neuem Lesestoff stöbern, aber vor allem kicken. Fußballstar ist sein Traum, er bewirbt sich schriftlich beim Bundestrainer, wird  jedoch nicht erhört, und so bleibt er auf Lebenszeit Fan mit Stadion-Ticket. Immer noch wird er ein bisschen wehmütig, wenn er an den Abstieg von Westafalia Herne denkt...

Herne gegen Dortmund [14 Sekunden]

Moderation: Katrin Krämer

Die Sendung zum Anhören:
ARD-Korrespondent Thomas Spickhofen [46:17 Minuten]

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 30. August 2017, 13:05 Uhr

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