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Zwei nach Eins

Samuel Hayrapetyan

Deutsch-Armenier, Paketzusteller und Freizeitboxer

27. September 2017, 13:05 Uhr

1993 ist Samuel acht Jahre alt, als er mit seinen Eltern und Brüdern in Bremen-Blumenthal die Flucht aus Armenien beendet. Sie wollten weg, weil Armenien nach dem Zerfall der Sowjetunion zunehmend ungemütlicher wurde, insbesondere für Samuels Vater, Bauingenieur und linker Nationalist. Samuel Hayrapetyan lebt immer noch in Bremen-Nord, hat inzwischen eine eigene Familie gegründet, gemeinsam mit einer ebenfalls armenisch-stämmigen Frau.

Samuel Hayrapetyan [Quelle: Radio Bremen, Mario Neumann]
Samuel Hayrapetyan [Quelle: Radio Bremen, Mario Neumann]

Auf der Straße unterwegs

Sein Job als Paketzusteller ist Plan B oder sogar C, eigentlich wollte und will er immer noch Feuerwehrmann werden. Er lernte, als nach Jahren der Duldung endlich die Arbeitsgenehmigung kam, zunächst Dachdecker, mit Job-Pause im Winter. Doch er musste durchgängig arbeiten, so die Behörde, und landete schließlich am Steuer des Paketautos. Fünf Jahre ist das jetzt her, so dass Samuel Hayrapetyan einiges an Erlebnissen und Erfahrungen gesammelt hat. Einmal wurde er auch zum Ersthelfer nach einem Verkehrsunfall. Er begegnet den Menschen immer respektvoll und freundlich, ist allerdings genervt von Nörglern und Motzern.

Ich sehe das natürlich als Paketzusteller, dass man sehr oft Konflikte mit den Nachbarn hat, der eine nimmt für den nicht an, der andere nimmt für den das nicht an. Ich finde das sehr schade, die Menschen distanzieren sich immer wieder, immer mehr, das ist aber nicht richtig. Ich finde, wir sollten viele Dinge gemeinsam angehen.

Schwere Anfangszeit

Der Start in Deutschland war schwierig, ohne Deutschkenntnisse und auf engem Raum im Übergangswohnheim. Immer wieder kam es zu Konflikten, zwischen den Menschen aus ganz unterschiedlichen Ländern. „Das war natürlich nicht gut, wenn die Polizei da war, und man hat so die goldene Mitte gefunden.“ Samuel muss sich behaupten, gelegentlich auch handfest. Gerade bei Jungs mit türkischen Wurzeln hat er da keine Skrupel, aufgrund geschichtlicher Ereignisse.

Hauptsächlich waren das Türken und da wir Armenier sind und wir eine schlimme Vergangenheit in Form von türkischer Geschichte haben, da haben wir da nicht lange gefackelt, da haben wir uns halt einfach gekloppt, meistens auch erfolgreich. Aber wenn der am Boden war, war für uns das halt erledigt. Wir wollten da nicht mehr, wir wollten niemanden verletzten. Wir wollten uns einfach nur wehren.

Musik und Sport als Ausgleich

Der Boxsport hingegen im Verein in Osterholz-Tenever ist für ihn keine Gewalt. Im Gegenteil, dort lässt er allen Frust und Ärger kontrolliert raus, misst sich mit sich selbst. Ebenso spielt er Klavier, als Ausgleich, als Balsam für die Seele. Das Musikmachen hat er sich selbst beigebracht. Er beobachtet seine Mitmenschen nicht ohne Sorge, wünscht sich mehr ehrliches Interesse und Miteinander. Mit Blick auf heutige Flüchtlinge meint er, einerseits schön, dass Deutschland durch die Fehler aus dem Umgang mit Einwanderern in der Vergangenheit gelernt hat, andererseits hässlich, wie manche sich hier daneben benehmen, die Chance des Neuanfangs nicht nutzen und trotzdem irgendwie durchkommen.

Das Gespräch zum Anhören:
Deutsch-Armenier, Paketzusteller und Freizeitboxer Samuel Hayrapetyan [36:18 Minuten]

Moderation: Mario Neumann

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 27. September, 13:05 Uhr.

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