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Zwei nach Eins

Pierre Sanoussi-Bliss

Schauspieler

6. Oktober 2017, 13:05 Uhr

In Doris Dörries Film "Keiner liebt mich" spielte er vor 22 Jahren den schwarzen Mann "Orfeo". Ein Afro-Deutscher warf ihm mal vor "Du denkst zu weiß!" und beim Integrationsgipfel 2006 im Kanzleramt geigte er den Film- und Fernsehschaffenden mit "Ihr habt den Farbfilm vergessen!" die Meinung. Nach 18 Jahren beim "Alten" im ZDF spielt Pierre Sanoussi-Bliss nun wieder Theater.

Pierre Sanoussi-Bliss [Quelle: Radio Bremen, Birgit Kolkmann]
Pierre Sanoussi-Bliss [Quelle: Radio Bremen, Birgit Kolkmann]

Pierre Sanoussi-Bliss ist schwarz, schwul und sagt: "Ich bin auch noch Ossi!“ In Berlin geboren, 1962, als Sohn einer Lehrerin und eines guineischen Studenten, der später Diplomat für sein Land wurde. Als Schwarzer, sagt er, habe er in der DDR nie Rassismus erfahren. Aber die Fremdenfeindlichkeit, der rechte Mob und nun der Wahlerfolg der AfD überraschen ihn gar nicht.

Ich finde es ganz schlimm, aber ich schlage mich damit schon eine ganze Weile rum. Es hat sich schlagartig nach der Wende verändert.

Als nach der Wende der Rassismus erstarkte

Als Sanoussi-Bliss in Dresden Theater spielte, hingen Plakate von ihm in der Stadt. Nach der Wende waren diese Plakate plötzlich mit Hakenkreuzen übermalt, seine Plakataugen ausgestochen, erinnert sich der Schauspieler.

Es wurden wirklich plötzlich Schwarze – also sichtbar Ausländer seiende Menschen – gejagt in Dresden. Einer wurde aus der vollbesetzten Straßenbahn gestoßen, so dass er gestorben ist. Dem hat niemand geholfen.

Aber Sanoussi-Bliss erinnert sich auch an das andere Dresden, an Menschen, die ihn im Hotel anriefen und sich für die rassistischen Angriffe gegen ihn entschuldigten.

Ein Erzeuger und ein Vater

Seinen Vater hat er nur ein einziges Mal gesehen. Als er 27 war, kam es zu einem Treffen in der Berliner Botschaft von Guinea. Dort wurden vom Kellner Cola und Whiskey angeboten – aber noch bevor er den bestellen konnte, sagte sein Vater: "Mein Sohn trinkt keinen Whiskey!“

Damit, sagt Sanoussi-Bliss, sei der Kontakt für ihn erledigt gewesen. Vor einigen Jahren, als in Guinea eine Ebola-Epidemie ausbrach, hat er per E-Mail versucht herauszufinden, ob sein Vater noch lebt, vor allem für seine Mutter wollte er es wissen, doch es kam keine Antwort. Seinen zweiten Namen "Bliss" hat er vom Stiefvater.

Ich habe zwei Väter: Einen, der mich gemacht hat, und einen, der mich erzogen hat!

Nach 18 Jahren beim "Alten" ausgemustert

Pierre Sanoussi-Bliss [Quelle: Radio Bremen, Birgit Kolkmann]
Nach 18 Jahren beim "Alten" freut sich Schauspieler Sanoussi-Bliss auf neue Projekte. [Quelle: Radio Bremen, Birgit Kolkmann]

Beim ZDF-Krimi "Der Alte" war er als Assistent "Axel Richter" 18 Jahre mit im Boot. Sanoussi-Bliss, ausgebildet an der Berliner Ernst-Busch-Schule für Schauspielkunst, war ein Serienstar. Doch vor knapp drei Jahren war damit Schluss. Seine Rolle wurde "herausgeschrieben", ebenso wie die seines Kollegen Markus Böttcher, der 28 Jahre dabei gewesen war.

Gegen die übliche Beschäftigung mit Kettenverträgen wehrten sich beide, versuchten, wenigstens rückwirkend eine lückenlose Sozialversicherung durchzusetzen. Vor Kurzem kam die Entscheidung in letzter Instanz: Das Bundesarbeitsgericht entschied, die Produktionsfirmen und der Sender hatten die künstlerische Freiheit, so zu entscheiden. Und schließlich ginge es beim Fernsehen ja auch nicht um Beamtenstellen auf Lebenszeit. Sanoussi-Bliss glaubt aber, dass er mit 55 Jahren dem Jugendwahn geopfert wurde.

Filmplakat: Weiber [Quelle: Pierre Sanoussi-Bliss]
Weiber! heißt der neue Film von Pierre Sanoussi-Bliss [Quelle: Pierre Sanoussi-Bliss]

"Ihr habt den Farbfilm vergessen!“

Heute wünscht er sich, dass endlich mehr Migranten oder Menschen anderer Hautfarbe als Weiße im Fernsehen zu sehen sind. Schon beim Integrationsgipfel 2006 im Kanzleramt durfte er sprechen und warf den Film- und Fernsehschaffenden vor: "Ihr habt den Farbfilm vergessen!“

Er selbst bleibt kreativ und aktiv: Hat seinen zweiten, eigenen Film gedreht und per Crowdfunding finanziert. Viele Schauspielfreunde wie Matthias Freihof spielten umsonst mit in der schwarzen Komödie "Weiber! Schwestern teilen. Alles." – inspiriert von einem Buch über die Tatsache, dass in Deutschland jeder zweite Mord unentdeckt bleibt.

Also kann es doch gut sein, dass Du im Café sitzt und der ein oder andere ganz klar eine Leiche im Keller hat!

Neue Pläne

Einen Verleih hat Sanoussi-Bliss noch nicht gefunden, dafür aber Auszeichnungen bekommen bei diversen Filmfestivals. Und ein Kinderbuch hat er geschrieben und als Hörbuch eingesprochen: "Der Nix" – über Kauli, die Kaulquappe, die kein Frosch werden will, sondern ein schönes Wesen, wie eine Nixe.

In "Zwei nach Eins" spricht Pierre Sanoussi-Bliss über die Arbeitsbedingungen von Schauspielern und verrät, wie sein Leben nach dem "Alten" aussieht.

Das Gespräch zum Anhören:
Schauspieler Pierre Sanoussi-Bliss [37:00 Minuten]

Moderation: Birgit Kolkmann

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 6. Oktober 2017, 13:05 Uhr

Mehr von Pierre Sanoussi-Bliss:

Pierre Sanoussi-Bliss auf Facebook "Weiber! Teilen. Alles." – die Seite zum Film auf Facebook Youtube-Channel von Pierre Sanoussi-Bliss
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