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Zwei nach Eins

Käthe Kruse

Künstlerin, Musikerin und Ex-Hausbesetzerin

28. September 2017, 21:05 Uhr

Berlin-Kreuzberg Anfang der Achtziger Jahre: Ganze Straßenzüge des Stadtteils, an drei Seiten von der Berliner Mauer begrenzt, sind zum Abriss freigegeben. Die alten Gründerzeithäuser sollen Betonburgen weichen. Doch eine junge Szene wehrt sich. Mit dabei: Käthe Kruse, Schlagzeugerin der "Tödlichen Doris", Hausbesetzerin und Performancekünstlerin.

Käthe Kruse [Quelle: Radio Bremen, Birgit Kolkmann]
Käthe Kruse [Quelle: Radio Bremen, Birgit Kolkmann]

Sie besetzen viele Häuser, sanieren sie – anarchistisch und avantgardistisch – setzen erste Ökotrends bei Wasserrecycling und Solarstrom und entwickeln neue, kooperative Lebensformen. Und sie machen Kunst und Musik – die Berliner Szene der Achtziger Jahre wurde mit Gruppen wie "Die tödliche Doris" und "Einstürzende Neubauten" zum kulturellen Magneten, der international beachtet wurde. Sie traf sich sich im legendären "SO36", im "Dschungel" und im "Risiko". Käthe Kruse, Schlagzeugerin der "Tödlichen Doris", Hausbesetzerin und Performancekünstlerin war mittendrin.

Wir hatten Zeit, wir hatten Energie, wir hatten Visionen!

… sagt Käthe Kruse, die Anfang 1982 mit 23 Jahren aus dem ländlichen Westfalen nach Berlin kam.

Das Berlin der Achtziger Jahre war was ganz Besonderes – also weltweit. Das war eine Insel, eine städtische Insel, das war natürlich großartig.

Ein reiches Leben hinter zugigen Fenstern

Diese radikal moderne Künstler- und Musikszene steht für ein ganz neues Lebensgefühl, für Eigeninitiative, für Mut und Durchsetzungskraft. Die jungen Leute demonstrieren für den Erhalt der insgesamt 164 besetzten Häuser, gründen einen Bauhof, retten Baumaterial, sanieren und gründen Genossenschaften. Sie gründen Großküchen, leben zu Beginn bei minus 20 Grad im Winter hinter notdürftig mit Müllsäcken abgedichteten Fenstern. Ein armes und reiches Leben – arm aber nur materiell gesehen.

Aber ansonsten war es ja ein wahnsinnig reiches Leben, aus dem man ja Jahrhunderte im Grunde schöpfen kann. Und auch, was ich alles gelernt habe, dass ist ja unglaublich. Also nicht nur an Handwerklichem, auch an Sozialem, an Zwischenmenschlichem, an Toleranz – weil, ohne Toleranz ist das überhaupt nicht möglich gewesen in so Häusern zu leben mit 40 Erwachsenen.

Internationale Gäste geben sich die Klinke in die Hand

Cover: Käthe Kruse, Lob des Imperfekts, Mikrotext [Quelle: Mikrotext]
Käthe Kruse, Lob des Imperfekts, Mikrotext [Quelle: Mikrotext]

Die Grenzen zur Kunst wurden fließend, die Hausszene selbst ein Objekt der Lebens-Kunst. Künstler und Musiker aus dem In- und Ausland kamen, um dort als Gäste zu leben, mitzumachen, viele Freundschaften entstanden. Bei Käthe Kruse ist es die mit der berühmten US-Fotografin Nan Goldin, die Freundschaft  besteht bis heute. Aus dem Ausland kamen dann auch Einladungen: "Die tödliche Doris“ trat in New York auf" oder in Paris.

1987 löste sich die Gruppe auf, doch die meisten Mitglieder der Szene sind bis heute als Musiker und Künstler kreativ. Die „Genialen Dilletanten“ – ironisch mit Doppel-L geschrieben – begründeten eine Subkultur, in der Kunst entstand, die nicht perfekt sein wollte und sollte.

Es war ja die Zeit, wo alle Musik machen konnten in den Achtziger Jahren, eben auch, ohne irgendwas zu können. Also jeder, der einen Kochlöffel quasi auf den Topf schlagen konnte, war fast auch schon in der Lage, eine Schallplatte zu produzieren.

Über diese Alternativszene, näher am Punk als an der Neuen Deutschen Welle, schreibt Käthe Kruse in ihrem gerade erschienen Buch: "Lob des Imperfekts".

Viele spannende Leben und ein Neubeginn

In den ehemals besetzten Häusern, die jetzt der Genossenschaft gehören, wurden Familien gegründet, Kinder großgezogen. Auch Käthe Kruse und ihr Mann lebten bis vor kurzem im ehemaligen "Bauhof" – aber nach 33 Jahren sind sie ausgezogen, haben Platz gemacht für Jüngere, die den günstigen Wohnraum brauchen. Etwas Neues sollte beginnen, die Kinder sind aus dem Haus, aber Käthe Kruse ist auch nach dem Umzug Künstlerin in Kreuzberg – gleich in der Nachbarschaft.

Ich brauche immer einen Ruhepunkt, sonst hätte ich gar nicht die Energie und die Kraft, so viele Parallelleben zu leben – so viele unterschiedliche Leben und eins spannender als das andere. Mir hat auch eins nie genügt.

Käthe Kruse erzählt in "Zwei nach Eins" von den wilden Zeiten der Achtziger Jahre, wie ihre Kinder in den Neunzigern aufwuchsen, was sie heute machen, welche Projekte sie gemeinsam gestalten und welche Pläne sie selbst hat.

Moderation: Birgit Kolkmann

Das Gespräch zum Anhören:
Künstlerin Käthe Kruse [38:35 Minuten]

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 28. September 2017, 21:05 Uhr

Mehr Informationen:

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