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Zwei nach Eins

Harro Zimmermann

Literaturkenner

16. Oktober 2017, 13:05 Uhr

Zeit seines Lebens wurde er bejubelt, aber auch bepöbelt: Am 16. Oktober 2017 wäre Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass 90 Jahre alt geworden. Bestimmt hätte er sich in die aktuellen Debatten eingemischt, ist Harro Zimmermann überzeugt. In seinem Buch "Günter Grass und die Deutschen" entwirrt er das problematische Verhältnis der Deutschen mit ihrem Nationalschriftsteller.

Bildmontage: Günter Grass und Harro Zimmermann [Quelle: Radio Bremen, Montage]
Über Günter Grass hat Harro Zimmermann ein Buch geschrieben. [Quelle: Radio Bremen, Montage]

Wie kein anderer hat Günter Grass den Deutschen den Spiegel vorgehalten. Er wurde geliebt und gehasst, bepöbelt und bejubelt. Sein literarisches Werk hat sich seit den 1950er Jahren mit der jungen, deutschen Republik auseinandergesetzt.

Zweieinhalb Jahre nach dem Tod von Günter Grass zeichnen sich zwei Linien ab, die eines bestätigen: Dieser Intellektuelle und Künstler war gewissermaßen mit der deutschen Nachkriegsmentalitätsgeschichte zutiefst verbunden.

Harro Zimmermann hat sich vor allem mit Büchern über das 18. Jahrhundert, über die Aufklärung, einen Namen gemacht. Sein Exemplar der "Blechtrommel" von Günter Grass stammt aus dem Jahr 1965, da war der junge literaturinteressierte Harro gerade 16 Jahre alt. Persönlich hat er den zuletzt in Lübeck lebenden Schriftsteller 1987 in Telgte kennengelernt.

"Einer aus dem Osten..."

In seinem Buch "Günter Grass und die Deutschen" analysiert Zimmermann das konfliktreiche Verhältnis zwischen Grass und seinen Landsleuten. Die deutsche Öffentlichkeit wehrte sich von Beginn an gegen die von Grass angestoßenen politischen und kulturellen Debatten, so Zimmermann. Dass Grass zum Beispiel die Deutsche Einheit abgelehnt haben soll, sei "völliger Unsinn".

Da kam einer aus dem Osten. Was hatte der eigentlich hier zu suchen, im Westen? Dann posierte er als Intellektueller, der sich das Recht nahm, auch politisch zu urteilen. Er sah schon so merkwürdig aus, dann schrieb er so merkwürdige Dinge – autistische Gedichte – und Grass war der Inbegriff der neuen politischen Opposition. Die wurde von konservativen Kräften vehement bekämpft. Man wollte das nicht dulden.

Stete öffentliche Häme

Cover: Harro Zimmermann, Günter Grass und die Deutschen, Wallstein Verlag [Quelle: Wallstein Verlag]
Harro Zimmermann, Günter Grass und die Deutschen, Wallstein Verlag [Quelle: Wallstein Verlag]

Die etablierte Kritik lief Sturm, die Studenten in den Theaterkellern applaudierten. Auch im inneren Zirkel der Literaturgesellschaft gab es Widerstände gegen Grass. In der "Gruppe 47", der Grass angehörte, stand er stets im Zentrum der Kontroversen. Einerseits war er avantgardistisch, andererseits ein relativ konservativer an der SPD orientierter Intellektueller, so Harro Zimmermann.

Je nach Couleur wurde Grass Zeit seines Lebens als Nestbeschmutzer, Revanchist oder unfähiger Literat beschimpft. Tief saß der Stachel, er sei ein linker Antisemit. Diese Abwertung seiner literarischen Arbeit und seines Auftretens als "Homo Politicus" fand seinen Höhepunkt, als Grass in seinem Buch "Beim Häuten der Zwiebel" seine frühe Mitgliedschaft als junger Mann bei der Waffen-SS öffentlich machte. Dabei gebe es keinen anderen deutschen Nachkriegsschriftsteller, der sich so in das "Problem Auschwitz" und seine Nachwirkungen vergraben habe wie Günter Grass, ist Harro Zimmermann überzeugt: "Das war sein Lebensthema!"

Es ist so, dass Grass seine Bekenntnisse literarisch niedergelegt hat. Wenn man das Werk, nachdem wir das heute alles wissen, genauer betrachtet, so ist Oskar Matzerath aus der Blechtrommel schon die erste verkappte Bekenntnisfigur. (...) Man hätte ins Werk gucken müssen. Das ist eine generelle Krux in der Auseinandersetzung mit ihm. Viele Kritiker wissen wirklich nicht Bescheid und machen sich vielleicht auch keine Mühe mehr, da genauer hinzugucken.

Was bleibt von Günter Grass?

Die Weltöffentlichkeit hat viel von Günter Grass wahrgenommen. Bis in die hintersten Winkel ist Grass und sein Werk bekannt. Die Kluft zwischen internationaler Anerkennung und nationaler Häme eines Nationalschriftstellers war dabei eigentümlich groß, so Zimmermann. Dabei haben die Bundesdeutschen an Grass und mit Grass "das politische Buchstabieren gelernt", schreibt der Grass-Kenner.

Was bleibt? Es bleibt die wunderbare Sprache dieses Mannes, dieses wahnsinnigen Autodidakten, der dafür ohne hinreichende Schulbildung, ohne akademische Ausbildung, selber gesorgt hat.

Welche Gedanken hätte sich Günter Grass zur aktuellen politischen Lage Deutschlands gemacht? Welche Themen hätte er angesprochen? Darüber macht sich Harro Zimmermann Gedanken in "2 nach 1".

Das Gespräch zum Anhören:
Grass-Kenner Harro Zimmermann [34:47 Minuten]

Moderation: Silke Behl

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 16. Oktober 2017, 13:05 Uhr

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