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Zwei nach Eins

Elena Lappin

Autorin

9. Oktober 2017, 13:05 Uhr

Ihre Heimat und ihre Sprachen hat sie mehrfach gewechselt. Geboren in Moskau, wuchs Elena Lappin mit ihrem Bruder, dem Schriftsteller Maxim Biller, in Prag auf. Weitere Lebensstationen führten sie über Deutschland, Israel, Kanada und die USA bis nach London. Nun hat sie die Geschichte ihrer Familie aufgeschrieben und sich gefragt: "In welcher Sprache träume ich?"

Elena Lappin [Quelle: Jerry Bauer]
Elena Lappin [Quelle: Jerry Bauer]

Elena Lappin stammt aus einer sehr literarischen und von vielen Sprachen geprägten Schriftsteller-Familie. Ihre Mutter Rada Biller schreibt auf Russisch, ihr Bruder Maxim Biller auf Deutsch, und der Vater war ein renommierter Übersetzer. Lappin wiederum schreibt auf Englisch und hat sich in ihren Memoiren gefragt: "In welcher Sprache träume ich?"

Ich habe auf diese Frage eigentlich keine Antwort gesucht. Die Frage kommt aus zwei Richtungen. Wenn jemand mehr als eine Sprache gut spricht, fragt man ihn oder sie immer: "In welcher Sprache träumen Sie?". Und was das bedeuten soll, ist: "Welche Sprache ist eigentlich ihre Hauptsprache?"

Ein Geheimnis weckte ihre Neugier

Sie ist in einem "Nest voll Liebe" ohne Ängste aufgewachsen, sagt Elena Lappin. Doch ihr Buch beginnt damit, dass Elena Lappin erfährt, dass ihr Vater nicht ihr biologischer Erzeuger ist. Auf ihre Beziehung zu ihrem sozialen Vater hatte das zwar keinen negativen Einfluss, aber Lappins Neugier war geweckt: Sie wollte alles über ihre Familie herausfinden. Und heute ist sie sicher: Man spürt die Anwesenheit von Geheimnissen.

Ich würde sagen, dass Eltern die Pflicht haben, keine Geheimnisse vor ihren Kindern zu haben. Jeder Mensch – egal ob Kind oder Erwachsener – muss wissen, wo er oder sie herkommt. Das ist sehr, sehr wichtig. Man muss immer wissen, wo unsere Wurzeln sind.

Verlust der Stadt aus Kindheitstagen

An ihre Kindheit in Prag erinnert sich Lappin sehr gerne. Sie sei "frei und abenteuerlich" gewesen, trotz der Unfreiheiten des Totalitarismus. Die Familiensprache war Russisch, doch mit ihrem Bruder, dem sechs Jahre jüngeren bekannten Schriftsteller Maxim Biller, sprach Elena Lappin nur Tschechisch.

Das war sehr wichtig. Das Tschechische ist bis heute "unsere Welt" sozusagen.

Nach dem Prager Frühling emigrierte die Familie nach Hamburg. Elena Lappin, damals 15 Jahre alt, ahnte nicht, dass die Reise nach Deutschland eine Reise ohne Rückkehr war. Für sie war es zunächst ein neues Abenteuer mit einer neuen Stadt, einer neuen Sprache und der Entdeckung der Literatur von Franz Kafka. Aber nach der "goldenen" Stadt Prag erschien ihr Hamburg als kalt und langweilig.

Ich habe viele Freunde gehabt, habe meine Schule sehr geliebt, aber dieses Heimweh nach Prag konnte ich nie loswerden.
Cover: In welcher Sprache träume ich? [Quelle: Verlag Kiepenheuer & Witsch]
Elena Lappin: In welcher Sprache träume ich?, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2017 [Quelle: Verlag Kiepenheuer & Witsch]

Auf der Suche nach Heimat

Über ihre Zeit in Deutschland schreibt Elena Lappin in ihrem Buch: "Unser Judentum wurde zusehends wichtiger, um unsere übrige Identität zusammenzuhalten." Auf der Suche nach Heimat, ging Elena Lappin daher nach dem Abitur für eine Weile nach Israel und lernte Hebräisch.

Alle waren da eingewandert. Und wenn nicht du, dann deine Mutter, und wenn nicht deine Mutter, dann deine Großmutter. Alle waren von irgendwo anders her. Alle waren so wie ich! Und ich fühlte mich nicht wie ein Outsider.

In Israel fand Elena Lappin nicht nur einen Teil ihrer jüdischen Identität, sondern auch ihren zukünftigen Mann, der aus Kanada stammte. Mit ihm zog die englische Sprache in ihr Leben ein, und Lappin lebte mit ihrem Mann abwechselnd in Israel, Kanada und den USA.

Inzwischen lebt Lappin seit rund 24 Jahren in London, wo sie ihre drei Kinder großzog. Hier hat sie starke Wurzeln schlagen können, auch wenn sie woanders auch noch welche hat, wie sie selbst sagt. In der englischen Sprache fühlt sich Lappin als Schriftstellerin "wie neu geboren", und weil sie ihren Kindern nicht so ein kompliziertes Sprachgeflecht aufzwingen wollte, ist Englisch heute die Familiensprache der Lappins.

Das Gespräch zum Anhören:
Autorin Elena Lappin [33:10 Minuten]

Moderation: Ruth Rach

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 9. Oktober 2017, 13:05 Uhr

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