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Zwei nach Eins

Deborah Feldman

Aussteigerin aus ultraorthodoxer jüdischer Glaubensgemeinschaft

21. September 2017, 13:05 Uhr

Deborah Feldman ist in der ultraorthodoxen Sekte der Satmarer Juden im New Yorker Stadtteil Williamsburg aufgewachsen. 23 Jahre musste sie ihre wahre Persönlichkeit unterdrücken. Sie stieg aus und wurde quasi über Nacht berühmt, als ihr Buch über ihren Bruch mit der Gemeinschaft 2012 in den USA ein Bestseller wurde. In Berlin hat sie heute eine neue Heimat gefunden.

Deborah Feldman [Quelle: Birgit Kolkmann, Deborah Feldman]
Deborah Feldman [Quelle: Birgit Kolkmann, Deborah Feldman]

Bevor Deborah Feldman gemeinsam mit ihrem Sohn ein neues Leben in der säkularen Gesellschaft begann, Literatur studierte und Reisen nach Europa unternahm, lebte sie nach strengsten orthodoxen jüdischen Regeln und musste sich stets der Gemeinschaft unterwerfen. Doch Deborah Feldman führte 23 Jahre lang ein Doppelleben. In "Zwei nach Eins" erzählt die heute 31-Jährige vom Bruch in ihrer Persönlichkeit.

Ich hab‘ damals gedacht: Vielleicht ist das möglich, dann doch fromme, brave Chassidin zu sein und aber doch – vielleicht – Geheimnisse zu haben, vielleicht doch heimlich Bücher zu lesen. Und ich hab‘ versucht, da in den Spuren meiner Großmutter zu folgen, und das hab‘ ich auch jahrelang gemacht. Ich hatte wirklich zwei Persönlichkeiten.

Raus in die Freiheit

Ein Mädchen, das Bücher, die es nicht lesen soll, im Wäscheschrank versteckt. Eine junge Frau in steifem Hochzeitsgewand im Tanz mit dem Rabbi. Der kahlgeschorene Kopf nach der Hochzeit, der Schrecken der ersten Nacht und später die Flucht – raus aus der ultraorthodoxen Sekte im New Yorker Stadtteil Williamsburg. Ein Abenteuer beginnt. Ein seelisches Abenteuer, das Deborah Feldman mithilfe der Literatur und dem eigenen Schreiben in die Freiheit bringt. Sie wird schließlich an einem der teuersten und besten Colleges in den USA, dem "Sarah Lawrence" in New York, angenommen.

Ich hab‘ sehr ehrlich gesagt: Also, ich komme aus dieser Gemeinde, ich hab‘ keinen Hochschulabschluss, ich hab‘ kein Diplom, ich hab‘ keine Noten zu zeigen, ich habe nie studiert. Ich will aber studieren, ich weiß, dass ich studieren muss, um überhaupt in dieser Welt ankommen zu können und was zu erreichen.

Innere Versöhnung mit "Unorthodox" und "Überbitten"

Als sie 23 und ihr Sohn 4 ist, verlässt sie die Gemeinde und schreibt "Unorthodox" – ihre autobiografische Erzählung. Sie erscheint 2012, und Deborah Feldman wird über Nacht berühmt. Die Suche nach der eigenen Identität geht weiter, ein großer innerer Versöhnungsprozess, den sie in ihrem zweiten Buch "Überbitten" – im Jiddischen der Ausdruck für quasi vorauseilende Entschuldigung – beschreibt. Es ist ein Bericht aus dem "Maschinenraum der Seele", wie es die "Süddeutsche Zeitung" beschreibt, eine große Analyse ihrer Psyche und die innere Versöhnung ihrer in zwei Persönlichkeiten gespaltenen Seele.

Die Cover der Bücher Unorthodox und Überbitten von Deborah Feldman [Quelle: Random House/Secession Verlag]
"Unorthodox" ist bei Random House erschienen, "Überbitten" im Secession Verlag [Quelle: Random House/Secession Verlag]

Berlin: Ihr Paradies und Zufluchtsort

Deborah Feldman findet zum Ursprung ihrer Familie zurück, nach Europa, nach Berlin. Die deutsche Hauptstadt ist ihr "heimliches Paradies" – ein Zufluchtsort. Beim Versuch, die deutsche Staatsbürgerschaft zu erlangen – was im ersten Anlauf abgelehnt wird – stößt sie auf ein Familiengeheimnis: Einst versuchte ihr Urgroßvater, ein galizischer Katholik, der aus Liebe zu seiner Frau zum Judentum konvertierte, deutscher Staatsbürger zu werden. Es wurde ihm im aufkommenden Nationalsozialismus verwehrt. Dass dieses Detail ihrer Abstammung Deborah Feldman schließlich doch zur deutschen Staatsbürgerschaft verhalf, betrachtet sie als Glück und als eine Art Wiedergutmachung.

Am 24. September wird sie erstmals an einer Parlamentswahl teilnehmen und aus Begeisterung zur Wahl gehen. Sie sagt, "das System funktioniert so gut, weil alle Parteien, alle Politiker so gut auf den Rechtsruck reagieren".

Jetzt ist es so, dass ich absolut verliebt bin in dieses Land. Ich bin deutscher Staatsbürger, und ich identifiziere mich eigentlich hauptsächlich damit.

Inzwischen arbeitet Deborah Feldman an einem neuen Buch, einem Roman – und zum ersten Mal schreibt sie auf Deutsch.

Das Gespräch zum Anhören:
Autorin Deborah Feldman [36:50 Minuten]

Moderation: Birgit Kolkmann

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 21. September 2017, 13:05 Uhr

Mehr über Deborah Feldman:

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