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Zwei nach Eins

Bernhard Nette

Enkel eines Gestapo-Beamten

8. Dezember 2017, 13:05 Uhr

"Schwer – sehr schwer" drückt die Wahrheit immer noch auf Bernhard Nettes Schultern. Als er die Geschichte seines Großvaters recherchierte, in die Archive stieg und Dokumente mit dem Namen "Bruno Nette" fand, wurde es Bernhard Nette richtig kalt um's Herz. Denn Nettes Großvater war im Dritten Reich für den Tod mehrerer hundert Juden verantwortlich.

Bernhard Nette [Quelle: Radio Bremen]
Bernhard Nette

Dass sein Großvater Bruno Nette ab 1940 für die Deportation jüdischer Menschen aus Bremen und dem Regierungsbezirk Stade verantwortlich war, entdeckte der Hamburger Geschichtslehrer auf einem Klassenausflug nach Bremen. Dort ging Bernhard Nette in eine Bremer Buchhandlung, nahm zufällig ein Buch über die Geschichte Bremens im Nationalsozialismus in die Hand und entdeckte seinen eigenen Namen "Nette". Bis zu diesem Zeitpunkt wusste Bernhard Nette nichts von der Gestapo-Vergangenheit seines Großvaters.

Der Großvater ist ein Naziverbrecher

Cover: Bernhard Nette, Vergesst ja Nette nicht!, VSA Verlag [Quelle: VSA Verlag]
Bernhard Nette, Vergesst ja Nette nicht!, VSA Verlag [Quelle: VSA Verlag]

Dass Bruno Nette in dem besagten Buch trotzdem als "Judenfreund" bezeichnet wurde, kam dem Historiker Bernhard Nette komisch vor. Als sogenannter "Judenreferent" war er schließlich für nichts anderes verantwortlich als für die Vernichtung von Menschen. Also besorgte sich Bernhard Nette die Prozessakten aus dem Bremer Staatsarchiv. Stundenlang stand er am Scanner des Archivs und schnell war ihm klar: Sein Großvater ist ein Naziverbrecher. Er spürte ihm nach und besuchte die Orte, die Teil des Lebens seines Großvaters waren: Das ehemalige Gestapo-Hauptquartier am Wall, das Haus, wo ihm der Prozess gemacht wurde, das Wohnhaus in Vegesack.

"Nettes werden hier nicht bedient!"

Nettes Großvater machte nicht mit Warmherzigkeit auf sich aufmerksam, erinnert sich Bernhard Nette. Er war der einzige Nazi in einer Familie voller Sozialdemokraten und Kommunisten, die auf den Werften Bremens arbeiteten. Bernhard Nettes Vater und seine Mutter mochten ihn nicht. Mit etwa sechs Jahren war der kleine Bernhard einmal zu Besuch in Bremen und musste Milch holen. Was er dann erlebte, brannte sich in seine Erinnerungen ein. Denn er wurde nach seinem Namen gefragt und dann verstummt der kleine Eckladen.

Daraufhin verstummte dieser Laden auf einen Schlag – bei diesem Namen. Und die Frau, die die Milch ausgab, knallte den Henkelmann, den ich ihr gegeben hatte, auf den Tresen und sagte: "Nettes werden hier nicht bedient!"

Streng, kalt, skrupellos

Bernhard Nette hat die Geschichte seines Großvaters aufgeschrieben. In seinem Buch beschreibt er auch einen Mann, der seine erste Frau und seine drei Söhne geschlagen und schikaniert hat und der die Scheidung so dargestellt hat, dass Nettes Großmutter quasi ohne Unterhalt dastand. Zwei der Söhne hat er ihr weggenommen. Auf dem Cover seines Buches zeigt er Bruno Nette nach der Verhaftung durch die britischen Alliierten. In der Hand eine Tafel, die ihn als verhafteten, ehemaligen Gestapo-Beamten kennzeichnete.

So wie er da ausschaut, erinnere ich ihn auch. Streng, etwas kalt. Als Kind habe ich ihn genauso erlebt.

Das Gespräch zum Anhören:
Bernhard Nette – Mein Großvater war ein Nazi! [39:12 Minuten]

Moderation: Stephanie Giese

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 8. Dezember 2017, 13:05 Uhr

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