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Feature

Ein Weltbürger aus Köln

Heinrich Böll im Porträt

11. November 2017, 18:05 Uhr

von Michael Augustin und Walter Weber

Vor hundert Jahren, am 21. Dezember 1917, wurde Heinrich Böll geboren. Der Literaturnobelpreisträger des Jahres 1972 war einer bedeutendesten Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur. Michael Augustin und Walter Weber erinnern mit ihrem Feature an den Welt-Autor aus Köln.

Heinrich Böll [Quelle: DPA]
Heinrich Böll [Quelle: DPA]

Das Sitzen zwischen den Stühlen war für Heinrich Böll ein existentielles Bedürfnis. Zeitlebens blieb der in Köln geborene Schriftsteller ein unbequemer Querdenker und eigenwilliger Chronist der widerspruchsvollen deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert. Dafür prädestinierten ihn die Erfahrungen mit Krieg und Nationalsozialismus, die sich seinem Denken und Schreiben in schmerzlicher Weise eingeprägt hatten.

Die Geschichten der "kleinen Leute" sind das beständig wiederkehrende Thema in Heinrich Bölls Werk. Immer wieder hat er sie erzählt, realistisch, gesellschaftskritisch und menschlich anrührend. Zutiefst verhasst waren ihm hingegen die Etiketten, die man ihm gar zu gern anklebte und die so gar nicht seinem Selbstverständnis entsprachen: „Der gute Mensch von Köln“, „Das Gewissen der Nation“, „Die moralische Instanz der Deutschen“ – das alles wollte der Anti-Pathetiker Böll nicht sein, auch nicht, nachdem man ihm im Jahr 1972 den Literaturnobelpreis verliehen hatte.

Jochen Schubert: Heinrich Böll [Quelle: Theiss Verlag]
Die aktuelle Biografie: Jochen Schubert: Heinrich Böll; Theiss Verlag; 340 Seiten; 29 Abbildungen; 29,95 € [Quelle: Theiss Verlag]

Der geborene Nonkonformist Heinrich Böll  war auch als Autor ein Einzelgänger, der sich niemals in ideologische Schablonen und literarische Klüngel einfügte. Für ihn war Schreiben ein Akt der Grenzüberschreitung in ein noch unentdecktes Land des Geschichten-Erzählens.

Michael Augustin und Walter Weber haben ein Radio-Porträt komponiert, das Leben und Werk des großen Kölner Autors nachzeichnet. Neben Heinrich Böll sind unter anderem zu hören: sein Sohn René Böll, Ralph Giordano, Günter Grass, Alexander Solschenizyn und Dieter Wellershoff.

Heinrich Böll - Leben und Werk

Sprecher: Peter Kamepfe
Regie: Eva Garthe
Redaktion: Michael Augustin
Produktion: Radio Bremen 2015

Veranstaltungs-Tipp

Unter dem Titel „Radio Böll“ präsentieren Michael Augustin und Walter Weber eine Ton-Bildschau mit Fotos und Orignaltönen aus den Radio-Bremen-Archiven. Am 22. November 2017 um 19:30 Uhr im Foyer des Bremer Theaters am Goetheplatz, im Rahmen der Ausstellung "Böllwerk: 100 Jahre Heinrich Böll – Einmischung erwünscht!", die von der Heinrich-Böll-Stiftung in Kooperation mit dem Bremer Theater vom 14. bis 23. November 2017 gezeigt wird.

Kaiser-Wilhelm-Denkmal in Köln [Quelle: Radio Bremen]
Kaiser-Wilhelm-Denkmal in Köln

Köln

Heinrich Böll kommt am  21. Dezember 1917 in der Kölner Neustadt zur Welt – als Sohn von Viktor Böll und dessen Ehefrau Maria, geborene Herrmanns. Zusammen mit seinem Kompagnon Wilhelm Polls betreibt Viktor Böll ein „Atelier für kirchliche Kunst“ mit Sitz am Wormser Platz in Köln. Die Firma produziert Sakralmöbeln aller Art: Altäre, Beichtstühle, Kirchenbänke und dergleichen.

Erzkatholisch ist das Milieu, in dem der junge Heinrich aufwächst. Katholisch ist die Volksschule in der Brühler Straße, die er ab 1924 besucht, und auch das staatliche Kaiser-Wilhelm-Gymnasium an der Heinrichstraße, in das er 1928 eintritt, verleugnet nicht die konfessionelle Provenienz – wurde es doch 1868 als Katholisches Progymnasium gegründet.

Heinrich Böll und Köln

Hitler, Göring [Quelle: Radio Bremen]
Adolf Hitler und Kabinett 1933

Nazizeit

In erhebliche ökonomische Not gerät die Familie durch die Weltwirtschaftskrise im Jahr 1929. Das Wohnhaus in der Kreuznacher Straße muss verkauft werden, und man zieht zweimal in weniger komfortable Wohnungen um. Einschneidender noch ist die Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933, die die politischen Verhältnisse in Deutschland radikal verändert. Zu Hitler geht man im konservativ-katholischen Elternhaus Bölls zwar auf ideologische Distanz, aber von irgendeiner Form aktiver Gegnerschaft kann keine Rede sein. Man verhält sich eben wie große Teile des Bürgertums, das sich mit den neuen Machthabern arrangiert.

Der Schüler Heinrich Böll betrachtet Adolf Hitler als politische Witzfigur, für die er nur Hohn und Spott übrig hat. Als der selbsternannte "Führer" am 19. Februar 1933 in seiner Heimatstadt öffentlich auftritt, notiert er: "Adolf Hitler redet in Köln, Faschisten-Kanone Hitler sabbert, ein abgerutschter Sozialist … macht sich unliebsam laut. Tod den Braunen!"

Nach dem Abitur im Jahr 1937 beginnt Heinrich Böll eine Buchhändlerlehre, die er aber nach wenigen Monaten wieder abbricht. Danach arbeitet er in der väterlichen Schreinerei, die seit 1933 von seinem Bruder Alois geleitet wird. Gleichzeitig beginnt er geradezu manisch zu schreiben. In kurzer Zeit entstehen einige hundert Manuskripte. Keines davon wird aber vor 1945 veröffentlicht.

Annemarie und Heinrich Böll - Hochzeitsfoto 1942 [Quelle: Heinrich Böll Fotoarchiv - Samay Böll]
Annemarie und Heinrich Böll - Hochzeitsfoto 1942 [Quelle: Heinrich Böll Fotoarchiv - Samay Böll]

Im Zweiten Weltkrieg

Nach einem kurzen Intermezzo als Germanistik-Student an der Kölner Universität erhält er zum 4. September 1939 den Einberufungsbefehl der Wehrmacht. Wenige Tage zuvor, am 1. September, hatte mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg begonnen.

Als Soldat wird Heinrich Böll von 1939 bis 1945 auf Kriegsschauplätzen in Polen, Frankreich, Rumänien, Ungarn und Russland eingesetzt. Am 6. März 1942 heiratet er Annemarie Cech, die er als Freundin seiner Schwester Mechthild kennengelernt hat. Sie ist sieben Jahre älter und wurde 1910 in Pilsen als Tochter eines k-und-k-österreichischen Bahnbeamten geboren. An sie, aber auch an Familienmitglieder und Freunde, schreibt Böll zahlreiche Briefe über die Schrecken des Krieges, seine Gewissensnöte, die wachsende Abscheu vor der Soldaten-Existenz und seine Zukunftsträume. Bewegende Zeugnisse einer Entwicklung zum entschiedenen Kriegsgegner.

Die aktuelle Neuerscheinung

Heinrich Böll: Man möchte manchmal wimmern wie ein Kind. Die Kriegstagebücher 1943-1945; Kiepenheuer & Witsch; 352 Seiten; 22,00 €

Annemarie und Heinrich Böll mit den Kindern, 50er Jahre [Quelle: Heinrich Böll Fotoarchiv - Samay Böll]
Annemarie und Heinrich Böll mit den Kindern, 50er Jahre [Quelle: Heinrich Böll Fotoarchiv - Samay Böll]

Nachkriegszeit

Heinrich Böll in Köln 1947 [Quelle: Heinrich Böll Fotoarchiv - Samay Böll]
Heinrich Böll in Köln 1947 [Quelle: Heinrich Böll Fotoarchiv - Samay Böll]

Für Heinrich Böll ist der Krieg zu Ende, als er im April 1945 in amerikanische Kriegsgefangenschaft gerät. Bereits im Herbst kann er wieder in seine Heimatstadt zurückkehren. Wie es im zerstörten Köln aussieht, darüber berichtet im Radio bei Kriegsende Golo Mann, Emigrant und Sohn des Schriftstellers Thomas Mann. Er war nach Deutschland gekommen – als Mitglied der amerikanischen Besatzungsarmee:

„In Köln kommen mittlerweile die Leute aus ihren Kellern hervor und atmen die frische Luft des Tages. Sie suchen sich bessere Wohnungen und richten sich in der zerstörten Stadt ein, so gut es geht. Sie wollen in Gottes Namen weiterleben. Nicht lange und sie werden mit dem Wiederaufbau beginnen. Und wir möchten hundert gegen eins wetten, dass sie von allen Wahnideen – Krieg, Lebensraum, Herrenvolk, Ordnungsmacht – bis auf weiteres kuriert sind. Wenn heute freie Wahlen stattfänden, die würden nicht noch einmal für Adolf Hitler stimmen. Die nicht.“

Im Nachkriegs-Deutschland ist aller Anfang schwer – in einem von Nazibarbarei und Krieg verwüsteten Land, in dem die Menschen ums Überleben kämpfen und nach neuen Orientierungen suchen. Heinrich Böll hat von Anfang an ein klares Ziel vor Augen: er will freier Schriftsteller werden.

René Böll - Porträt [Quelle: Radio Bremen, Walter Weber]
René Böll [Quelle: Radio Bremen, Walter Weber]

Der entscheidende Rückhalt für Heinrich Böll ist die Familie – mit der Ehefrau Annemarie als zentraler Figur. Sie verdient nicht nur das "Brot der frühen Jahre" als Englisch-Lehrerin, sie ist auch aktiv an der Schriftsteller-Karriere ihres Mannes beteiligt. Der Sohn René Böll erinnert sich:

"Man kann schon sagen, dass meine Mutter die Arbeit immer sehr unterstützt hat. Sie hat natürlich nicht die Sachen geschrieben, wie viele Leute heute meinen, oder mitgearbeitet, wie bei Feministinnen das manchmal so rausklingt. Das natürlich nicht. Aber sie hat ihn ganz stark unterstützt, auch schon in der Kriegszeit. Immer gesagt, du musst schreiben. Und hat ja dafür auch immer gearbeitet. Sie ist dafür Lehrerin geblieben, hat nachher ihre Pension investiert, und das war schon eine große Förderung. Und sie hat die Sachen auch korrigiert. Sehr streng, wie eine Lehrerin das eben macht. Sachen gestrichen und also richtig korrigiert. Und natürlich haben sie gemeinsam übersetzt. Wobei, die Hauptarbeit hat meine Mutter gemacht. Sie hat vor dem Krieg ein Jahr in England gelebt, 36, und ist dann wieder zurück zu ihren Großeltern. Sie war richtig perfekt in Englisch, das hat sie auch studiert und war Englischlehrerin."

René Böll

Der Schriftsteller Heinrich Böll ist in dieser Zeit bereits rastlos tätig. Er schreibt für Zeitungen, Zeitschriften und den Rundfunk. Auch als Buchautor macht er bald von sich reden – mit Werken wie „Der Zug war pünktlich“, „Wanderer kommst du nach Spa …“, „Wo warst du Adam?“, „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ und „Haus ohne Hüter“. Bücher, in denen die Lebenserfahrung und die Seelenlage der Kriegs- und Nachkriegsgeneration elementar ausgedrückt wird.

Strand von Achill Island in Irland [Quelle: Radio Bremen, Walter Weber]
Strand von Achill Island in Irland [Quelle: Radio Bremen, Walter Weber]

Irisches Tagebuch

Im Jahr 1951 vermittelt Alfred Andersch seinem Kollegen Heinrich Böll den Kontakt zu dem Verleger Joseph Caspar Witsch, der zwei Jahre zuvor den Verlag „Kiepenheuer und Witsch“ gegründet hat. Hier erscheint 1954 „Haus ohne Hüter“ – der Roman, der den endgültigen Durchbruch auf dem Buchmarkt bringt.

1954 macht Heinrich Böll eine vierwöchige Irlandreise, die eine lebenslange intensive Beziehung zur "grünen Insel" begründen wird. Eine Beziehung, der er poetisch Ausdruck verliehen hat in seinem "Irischen Tagebuch".

Heinrich Böll in Keel/Achill Island 1960 [Quelle: Heinrich Böll Fotoarchiv - Samay Böll]
Heinrich Böll in Keel/Achill Island 1960 [Quelle: Heinrich Böll Fotoarchiv - Samay Böll]

1958 kauft Heinrich Böll ein Cottage in Dugart auf Achill Island, im äußersten Westen Irlands. Feriendomizil und Arbeitsstätte während der Sommermonate bis zum Jahr 1983, als er sich hier zum letzten Mal aufhält.

Und es ist ein Refugium, in das er sich regelmäßig zurückzog, weil er hier etwas fand, was er in Deutschland schmerzlich vermisste – wie Ralph Giordano meinte:

"Das Irische Tagebuch ist auch irgendwo eine Metapher und ein Beispiel. Das heißt, es ist ein zutiefst humanes Buch von einem Humanisten geschrieben, aber er trifft auch auf lauter Humanismen in Irland. Und das macht ihn irgendwie traurig. Das heißt, er stößt auf eine – ich möchte beinahe sagen – kollektive Haltung, die rauhbürstig ist, aber doch irgendwo auch tief human. Und es ist ganz sicher, dass Böll das in Deutschland so vermisst hat, da gibt es gar keine Frage. Denn er leidet ja oder seine eigene Generation unter den Vätern und den Altersgenossinnen und -genossen, die danach verdrängt haben, die nicht seinen Weg gegangen sind, die sich nicht auseinandergesetzt haben mit ihrer eigenen Rolle im Nationalsozialismus, darunter hat er auch schwer gelitten, dieses Deutschland war ja auch eine große Wunde.“

Heinrich Böll [Quelle: DPA]
Heinrich Böll und Willy Brandt [Quelle: DPA]

Ein kritischer Katholik

Als im Jahr 1957 das "Irische Tagebuch" erscheint, befindet sich das "wirtschaftswunderliche" Deutschland auf dem Höhepunkt von Nachkriegs-Restauration und Kaltem Krieg. Seit acht Jahren regiert Bundeskanzler Konrad Adenauer mit dem Gestus eines konservativen Patriarchen, der gar zu gerne eine christlich formierte Gesellschaft beschwor als Gegenbild zu Materialismus und Sozialismus. Auf dem Evangelischen Kirchentag 1952 sagte er, er habe "die tiefe Überzeugung, dass wir alle in einen Kampf zwischen Materialismus und Christentum, zwischen Gut und Böse mitten hinein gestellt sind. Und dass jeder von uns in diesem Kampfe sein Letztes hergeben muss, damit das Gute obsiegt und damit Gott obsiegt. Er wird letzten Endes der Sieger sein. Aber er bedient sich unser als seine Werkzeuge. Und daher müssen wir gerade in einer solchen Periode der Auseinandersetzung, müssen wir ihm zu Willen sein."

Konrad Adenauer [Quelle: Radio Bremen]
Konrad Adenauer

Für Heinrich Böll ist die enge Verbindung von CDU-Herrschaft, Katholizismus und Kapitalismus in der Adenauer-Ära eine fatale Entwicklung im Nachkriegs-Deutschland, die für ihn geradezu an "Schwachsinn" grenzt und der Entwicklung eines demokratischen Gemeinwesens enge Fesseln anlegt.

Als gläubiger Katholik hat er dennoch ein ausgesprochen kritisches und konfliktträchtiges Verhältnis zur Institution Kirche. Groß ist daher die Zahl seiner Gegner im konservativ-katholischen Lager.

Und die sind natürlich überhaupt nicht erfreut, als 1963 Heinrich Bölls Erfolgsroman „Ansichten eines Clowns“ erscheint. Seine radikale Abrechnung mit der bigotten Nachkriegsgesellschaft, katholischer Doppelmoral und verleugneter Verstrickung in den Ungeist Nazi-Deutschlands.

Politischer Wandel

Der 2015 verstorbene Schriftstellerkollege Günter Grass war über viele Jahre ein enger Weggefährte und Mitstreiter im Geiste von Heinrich Böll. Kennengelernt hatte er ihn bereits in den fünfziger Jahren:

„Ich habe ihn das erste Mal – ich kann nicht genau sagen, auf welcher Tagung der „Gruppe 47 – gesehen. Da war er dabei. Und so wie ich ihn beim ersten Mal kennengelernt habe, so war es die ganze Zeit über – jemand, der kein Aufhebens von sich machte und sehr kollegial auch mit uns jüngeren Autoren umging, und dann habe ich ihn längere Zeit nicht mehr gesehen. Und dann kam auch die Zeit meines politischen Engagements, wo ich dann regelrecht um ihn gebuhlt habe. Ich wollte ihn gerne mit im Schiff haben, bei den Bemühungen um Willy Brandt, den Sozialdemokraten und einen Regierungswechsel. Und er war dafür, aber er hatte diese Distanz zu den Parteien insgesamt und war dafür nicht zu gewinnen. Erst bei der zweiten Wahl, als Brandt dann schon Kanzler war und nach dem Misstrauensvotum, als es diese Initiative „Bürger für Brandt“ gab, dann hat er dann mitgemacht. Aber es war ein langes Bemühen.“ (Günter Grass in einem Radio-Bremen-Interview)

Günter Grass in Kalkutta 2005 [Quelle: Radio Bremen, Jörg-Dieter Kogel]
Günter Grass [Quelle: Radio Bremen, Jörg-Dieter Kogel]

Im Jahr 1969 kommt es zu einem Machtwechsel in Deutschland. Willy Brandts Regierungserklärung öffnet neue Wege in der Innen- und Außenpolitik. Vor allem das Verhältnis zu den osteuropäischen Staaten wird sich in den nächsten Jahren grundlegend ändern. Entspannung ist das Gebot der Stunde. Heinrich Böll ist damals als Autor seit langem höchst präsent in der Sowjetunion, wie sich der Sohn René Böll erinnert:

„Da sind ja Millionen Bücher verkauft worden in Russland. Also in Russland war er, soweit ich weiß, der meistgelesene ausländische Autor. Er hat sich immer viel für Kollegen eingesetzt. Natürlich hatten wir auch viele offizielle Treffen mit Funktionären. Das musste auch sein. Aber gleichzeitig hat er dann Dissidenten getroffen, Solschenyzin und viele andere. Hat denen auch immer sehr geholfen. Wir haben auch deren Manuskripte rübergebracht, im Gepäck oder im Mantel oder wie auch immer. Hier aber wurde er diffamiert als jemand, der nichts gegen Russland sagt und nichts tut. Natürlich konnte man ja diese Sachen nicht öffentlich machen. Man kann ja nicht sagen, wir haben das und das Manuskript mitgebracht oder wir haben dem und dem Geld gegeben oder diese und jene Leute unterstützt, was er ja auch finanziell immer gemacht hat.“

Heinrich Böll [Quelle: DPA]
Alexander Solschenizyn und Heinrich Böll 1974 [Quelle: DPA]

Ein Gipfeltreffen der Literaten

Am 14. Februar 1974 herrscht in Langenbroich bei Düren ein reger Presseauftrieb. Alexander Solschenyzin, weltweit gefeierter Autor und streitbarer Dissident, war gerade aus der Sowjetunion ausgewiesen worden und fand bei seinem Freund Heinrich Böll Zuflucht in dessen Sommerhaus in der Eifel.

Ein denkwürdiges Zusammentreffen von zwei freien Geistern, das für großes internationales Aufsehen sorgte. Und – ein wenig auch ein kleines „Gipfeltreffen“ der besonderen Art. Denn mit Alexander Solschenyzin und Heinrich Böll begegnete in aller Freundschaft der Literaturnobelpreisträger des Jahres 1970 demjenigen des Jahres 1972. Seine Nobelpreisrede mündet in eine ganz persönliche Hommage an die unverzichtbaren Arbeitsmittel eines Schriftstellers.

Heinrich Böll 1982 [Quelle: Heinrich Böll Fotoarchiv - Samay Böll]
Heinrich Böll 1982 [Quelle: Heinrich Böll Fotoarchiv - Samay Böll]

Denunziatorisches Klima

Neben Günter Grass ist Heinrich Böll in den siebziger Jahren der international renommierteste deutsche Schriftsteller. Auf nationaler Ebene allerdings gerät er wegen seiner unorthodoxen gesellschaftskritischen Haltung zunehmend in die Schusslinie konservativ-reaktionärer Kreise.

Der Terrorismus im Umfeld der „Baader-Meinhof-Gruppe“ erzeugt in den siebziger Jahren eine allgemeine Hysterie, die von einer rechtsgerichteten Publizistik angeheizt wurde. Heinrich Böll reagiert darauf mit seiner Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, die das damalige denunziatorische Klima auf beklemmende Weise zum Ausdruck bringt.

Als angeblicher Unterstützer der Terrorismus-Szene gerät Heinrich Böll ins denunziatorische Fadenkreuz von Autoren der Springer-Presse. Besonders infam ist 1974 ein Kommentar von Matthias Walden im Ersten Deutschen Fernsehen nach der Ermordung des Berliner Kammergerichtspräsidenten Günter von Drenkmann. Am 21. November 1974 sagt er wörtlich:

„Der Boden der Gewalt wurde durch den Ungeist der Sympathie mit den Gewalttätern gedüngt. Jahrelang warfen renommierte Verlage revolutionäre Druckerzeugnisse massenhaft auf den Büchermarkt. Heinrich Böll bezeichnete den Rechtsstaat, gegen den die Gewalt sich richtete, als Misthaufen. Und sagte: Er sähe nur Reste verfaulender Macht, die mit rattenhafter Wut verteidigt wurden. Er beschuldigte diesen Staat, die Terroristen in gnadenloser Jagd zu verfolgen.“

Ralph Giordano [Quelle: Radio Bremen, Walter Weber]
Ralph Giordano [Quelle: Radio Bremen, Walter Weber]

Heinrich Böll reagiert darauf öffentlich mit einer unmissverständlichen Gegenrede: „Diese Gruppenbenennungen „Sympathisanten, Helfershelfer, Humus, auf dem das alles gewachsen ist“ – damit wird ein Klima der Denunziation geschaffen, in dem kein Intellektueller mehr arbeiten kann. Ich kann in diesem Lande, in diesem gegenwärtigen Hetzklima nicht arbeiten. Und in einem Land, in dem ich nicht arbeiten kann, kann ich auch nicht leben. Es macht mich wahnsinnig, ewig, ewig mich gehetzt zu fühlen und denunziert zu fühlen und ewig gezwungen zu sein … Dementieren, Presseerklärungen … diese permanente Belästigung. Jeder Idiot – entschuldigen Sie den Ausdruck – kann meinen Namen in Zusammenhang mit Bombenlegern nennen. Wenn das so weitergeht, dann wird hier eine intellektuelle Landschaft entstehen, die verödet, es ist eine Ödnis.“

Sein Kollege Ralph Giordano wusste genau, wie verletzend die infamen Anfeindungen für Heinrich Böll waren: „Was da von der anderen Seite gegen ihn vorgebracht wurde, war schauerlich und unverzeihbar. Hier war eine Kraft im Gange, die die politische Kultur der Bundesrepublik leider, leider eine viel zu lange Zeit geprägt hat. Ein perverser Anti-Kommunismus. Das volle Geschütz dieser Kraft hat sich dann auf Böll gerichtet. Nicht von ungefähr. Die haben schon gewusst, dass er ein unerschütterlicher Humanist ist, ein unerschütterlicher Demokrat ist und haben ihn da getroffen, wo er verwundbar war, in seiner Ehre.“

Heinrich Böll [Quelle: DPA]
Heinrich und Annemarie Böll auf der Blockade von Mutlangen 1983 [Quelle: DPA]

Querdenker und Nonkonformist

Allen Anfeindungen zum Trotz bleibt Heinrich Böll ein unbequemer Kritiker und unangepasster Querdenker. Der „zivile Ungehorsam“ ist für ihn geradezu Lebenselixier. Noch im Alter beteiligt er sich aktiv an spektakulären Aktionen der Friedensbewegung. Etwa der großen Anti-Nachrüstungs-Demonstration in Bonn 1981 oder der Blockade des Pershing-Zwei-Raketen-Lagers in Mutlangen 1983. Für Böll zwei Beispiele für die katastrophale Fehlentwicklung der westlichen Gesellschaften.

Das Unbehagen an einem entfesselten Konsumismus beschäftigt Heinrich Böll bis zuletzt. Sein letztes Interview von 1985 endet mit einem entschiedenen Plädoyer für die Abkehr vom asozial gewordenen kapitalistischen Gesellschaftsmodell.

1982 verlässt Heinrich Böll Köln und zieht mit der Familie ins nahe gelegene Bornheim-Merten bei Bonn. Zu seiner Geburtsstadt hatte er ohnehin seit langen Jahren ein eher zwiespältiges Verhältnis, wie sich Günter Grass erinnerte:

„Was die Heimatstadt betrifft, ich erinnere mich an ein Gespräch – offenbar hatte ich ihm erzählt, warum ich so obsessionshaft über Danzig schreibe, weil es etwas Verlorenes ist – da sagte er: Das geht mir genauso mit Köln. Auch wenn Köln noch zu Deutschland gehört. Das Köln, in dem ich heute lebe, hat mit dem Köln, das ich gekannt habe und das ich immer wieder in Büchern erwähne, nichts mehr zu tun. Das ist völlig zerstört worden. Und was da aufgebaut worden ist, hat mit dem nichts zu tun. Und dieses Fremdsein in Köln spielt bei ihm eine große Rolle.“

Heinrich Böll [Quelle: DPA]
Heinrich Böll in seinem Arbeitszimmer [Quelle: DPA]

Heinrich Böll stirbt nach längerer Krankheit – 67 Jahre alt – am 16. Juli 1985 in Langenbroich. Beerdigt wird er auf dem Friedhof von Bornheim-Merten. Mit ihm verstummte die wohl wichtigste Stimme der deutschen Nachkriegsliteratur. Die Stimme eines Autors, für den Schreiben ein Akt der Grenzüberschreitung in ein noch unentdecktes Land des Geschichten-Erzählens war – wie er in seiner Nobelpreisrede von 1972 beschrieben hat:

„Schreiben ist, jedenfalls für mich, Bewegung nach vorn, Eroberung eines Körpers, den ich noch nicht kenne, von etwas weg zu etwas hin, das ich ebenfalls noch nicht kenne. Ich weiß nie, wie es ausgeht. Insofern kann es gar keine gelungene Literatur geben, weil keiner den Körper, den er anstrebt, schon gesehen haben kann, und insofern ist alles, was man mit einem oberflächlichen Wert modern, was man besser lebende Kunst nennen sollte, Experiment und Entdeckung.“

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