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Theater Bremen

Lady MacBeth von Mzensk

Starke Premiereneindrücke

11. September 2017, 11:10 Uhr

Das Theater Bremen hat seine Spielzeit mit einem derben Auftakt eröffnet: mit Dmitri Schostakowitschs Oper "Lady MacBeth von Mzensk". Ein Stück, das im zaristischen Russland spielt und eine Frau dabei zeigt, wie sie mit ihrer gesellschaftlichen Rolle bricht – mithilfe von drei blutrünstigen Morden.

Szene aus "Lady Macbeth von Mzensk" [Quelle: Theater Bremen, Jörg Landsberg]
Opernszene aus "Lady Macbeth von Mzensk" [Quelle: Theater Bremen, Jörg Landsberg]

Tomasz Kurianowicz hat sich die Premiere für uns angesehen.

Lady MacBeth von Mzensk [5:39 Minuten]

War das Stück denn einigermaßen verdaulich?

Also ich muss zugeben, die Premiere steckt mir immer noch in den Knochen. Das, was das Theater Bremen mit Regisseur Armin Petras auf die Bühne gebracht hat, ist einfach großartig, sensationell, vielleicht sogar ein Stück Theatergeschichte. So eine vibrierende, pulsierende, dreieinhalb Stunden anhaltende Dauerschock-Erfahrung habe ich lange nicht mehr erlebt.

Ist denn die Handlung so fesselnd?

Szene aus "Lady Macbeth von Mzensk" [Quelle: Theater Bremen, Jörg Landsberg]
Opernszene aus "Lady Macbeth von Mzensk" [Quelle: Theater Bremen, Jörg Landsberg]

Ja, die sicher auch. Es geht um Katerina, eine junge Kaufmannsfrau, die von ihrem Leben entsetzlich gelangweilt ist. Sie hat zwar einen reichen Bürgerssohn geheiratet, ist also fürs Leben abgesichert. Doch sie ist nicht glücklich mit ihm, kann sich beruflich nicht verwirklichen, und zu allem Übel wird sie noch von ihrem Schwiegervater drangsaliert. Die Bühnenbildnerin Susanne Schuboth hat die Handlung in ein postsowjetisches Russland versetzt und zeigt diese typisch slawische Industrie-Kälte der Nuller Jahre, die man so aus schummrigen Ostblock-Fotodokumentationen kennt. Man sieht viel weißes Neonlicht, schmutzige Fliesen, karge Landschaften und kitschig eingerichtete Wohnzimmer mit Wodka-Flaschen-Ästhetik.

Wie verläuft die Handlung?

Die Handlung eskaliert zum ersten Mal, als Katerina den Industriearbeiter Sergej kennenlernt. Sie verliebt sich in ihn und will durchbrennen. Als ihr Ehemann auf Geschäftsreise geht, entscheidet sie sich also zu einer blutrünstigen Tat: Sie ermordet ihren Schwiegervater, der sie bis dahin streng bewacht. Das ist zugleich auch der Befreiungsschlag aus dem großbürgerlichen, patriarchalischen Gefängnis.

Und wie gelingt die Regiearbeit von Armin Petras?

Die Inszenierung ist unfassbar vielschichtig und aufwendig. Ständig passiert was auf der Bühne. Die meisten Szenen werden von einer Kamera eingefangen und parallel auf eine Leinwand projiziert, so dass ein Doppeleffekt entsteht: Man muss aufpassen und simultan von der Bühne auf die Leinwand gucken, um nichts zu verpassen. Das mag zwar etwas irritierend wirken, doch der Effekt unterstreicht das emotionale Chaos und das hohe Tempo des Librettos – und lässt dadurch auch keine Langeweile zu.  

Gibt es aktuelle Bezüge zu heute?

Immer wieder werden Zitate von Nadja Tollokonnikowa eingestreut, einer Aktivistin der "Pussy Riot"-Bewegung, die in Russland für Frauenrechte kämpft. Katerina soll für die Ängste und Wünsche der im Osten unterdrückten Frau stehen, wobei der Geschlechterkampf ja auch im Westen noch tobt. Das Problem ist nur, dass sich Katerinas Gewaltphantasien im Laufe der Oper radikalisieren. Es folgt ein zweiter und dann noch ein dritter Mord – na ja, und dann funktioniert die Oper nicht mehr als dezidiert politische Gegenwartskritik, die man sinnvoll mit Frauenrechten in Verbindung bringen könnte. Diese Parallele wäre unnötig gewesen. Das ist aber letztlich nicht so wichtig: Denn alle Figuren stecken im Gefängnis ihrer Sehnsüchte, und das bleibt ein transhistorisches Problem. Armin Petras interessiert sich eben nicht für Fragen der Moral, sondern für Fragen der Gewalt. Er will die bedrückende Ausweglosigkeit darstellen, in der sich seine Figuren, egal ob Männer oder Frauen, befinden. Die Vermittlung dieses beklemmenden Gefühls gelingt ihm auf erschreckende Weise.

Ist die Musik ähnlich bedrückend?

Ja, auf jeden Fall. Schostakowitsch durfte die Oper nicht mehr aufführen, nachdem Stalin sie gehört hatte. Der Generalsekretär war von der Heftigkeit der Musik derart überfordert, dass er weitere Aufführungen verbieten ließ. Auch in Bremen ist die Musik so laut und verstörend, dass man sich fast die Ohren zuhalten will. Aber das muss so sein. Denn nur so entsteht der Eindruck der emotionalen Härte, auf die Schostakowitsch hinauswollte. Dirigent Yoel Gamzou weiß diese Beklemmung bestens umzusetzen und peitscht sein Orchester deshalb richtig ein.  

Und wie schlagen sich die Sänger?

Bravourös. Besonders die Sopranistin Nadine Lehner. Sie überzeugt mit einer bestechend klaren Stimme, viel Erotik und einer grandiosen Bühnenpräsenz. Absolut überragend – wie auch der Rest des Ensembles.

Also eine große Empfehlung?

Auf jeden Fall. Keiner der Hörer sollte diese Inszenierung verpassen. Um ehrlich zu sein, niemand sollte sie verpassen.

Termine:
Die Premiere war am 10. September 2017. Weitere Vorstellungen am 15., 17. und 23. September, und im Oktober, November und Dezember im Theater am Goetheplatz.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 11. September 2017, 11:100 Uhr

Theater-Premieren