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Die Reportage

Vechta hatte einen Flugplatz

9. Januar 2018, 15:40 Uhr

Die Kreisstadt Vechta hat sich in den vergangenen 25 Jahren ziemlich stark verändert: Rund 7.000 neue Einwohner, neue Wohn- und Gewerbegebiete, Neuorganisation des Verkehrs. Dabei wurden auch letzte Reste von etwas überbaut, von dem die jüngeren Einwohner wahrscheinlich gar nichts wissen: Es gab hier früher einen Flugplatz. Wenn man den erwähnt, kann man die hochgezogenen Augenbrauen der Neubürger förmlich sehen: Flugplatz? In Vechta? Wo soll der gewesen sein?

Blick auf die ehemalige Startbahn, heute ein Wohngebiet (Archivbild) [Quelle: Manfred Tegge]
Blick auf die ehemalige Startbahn, heute ein Wohngebiet (Archivbild) [Quelle: Manfred Tegge]

Eine Zitadelle markierte über Jahrhunderte den westlichen Stadtrand von Vechta – außerhalb lag eine Marschlandschaft, platt und grün und nass. Die Zitadelle ist noch da, aber dahinter erstrecken sich heute die typischen Ortsrand-Wohngebiete. Direkt am Autobahnzubringer liegen Gewerbebetriebe, auch ein paar große Verbraucher- und Baumärkte.

Vor rund 90 Jahren war hier noch nichts los, nur endlose Weite. Ideal für Menschen mit hochfliegenden Ideen. Erinnern wir uns: 1927 war Charles Lindbergh als erster nonstop über den Atlantik geflogen. 1928 war der Deutsche Hermann Köhl der erste, der das von Ost nach West schaffte, mit der Junkers W 33 "Bremen". Die Fliegerei war etwas für Abenteurer, auch im Oldenburger Münsterland.

Tausende Besucher bei Flugtagen

Jan-Bernd Uptmoor, geboren in Vechta in den 60er Jahren, hat zum Erstaunen seines alten Geschichtslehrers gerade ein 500-seitiges Sachbuch über die Geschichte der Fliegerei in Vechta verfasst. Der allererste Flugtag, so ist darin zu lesen, fand hier 1931 statt – schon damals mit Kunstflug-Vorführungen.

Die Flieger wollten glänzen, das Volk wollte staunen, die Stadtväter wollten Einkünfte sehen. Ein richtiger Flugplatz sollte her und die platte Vechtaer Marsch wurde notdürftig hergerichtet. Kein Beton, kein Asphalt, nur eine 600 Meter lange Graspiste – aber die wurde für die Männer in ihren fliegenden Kisten zur großen Showbühne. Sogar Atlantikflieger Hermann Köhl war in Vechta zu bewundern. Zwischen 5.000 und 8.000 Menschen kamen, um ihn beim Flugtag zu sehen; er sei wie ein Popstar gewesen, sagt Uptmoor. Im Sommer 1933 gab es abermals einen Großflugtag, diesmal schon unter Hakenkreuzfahnen.

Fliegerhorst für die Luftwaffe

Sport und Abenteuer ja, Verkehrsfliegerei nein: Für eine Einbindung in den gerade aufkommenden Linienverkehr fehlte in Vechta wohl das entsprechend dichtbesiedelte Hinterland. Aber Flugzeughallen, Verwaltungsgebäude und Werkstatt wurden gebaut, und eine Motorflugschule entstand. Und dann interessierte sich plötzlich die Luftwaffe für das Areal, zunächst ganz im Sinne der örtlichen Flugfreunde, sagt Buchautor Uptmoor.

Sie haben sich gewünscht, dass eine militärische Einrichtung etabliert wird, weil  sie sich von dem Zuzug von Hunderten von Soldaten auch einen gewissen wirtschaftlichen Aufschwung erhofften.

Den wird es zweifellos gegeben haben, aber negative Auswirkungen folgten: Der zivile Flugbetrieb wurde hier beendet, das Flugfeld wurde zu Kriegsbeginn Sammelplatz der Maschinen für den Westfeldzug, und gegen Ende des Krieges wurde der Platz zweimal zum Bombenziel der Alliierten. Historische Abwurf-Fotos zeigen die Treffer auf der Rollbahn, bedrohlich nah an der Stadt.

Straßennamen erinnern an den Flugplatz

Nach dem Krieg flog hier nichts mehr. Die Gebäude wurden zunächst Flüchtlingsheime, bis in den 1960er Jahren die Bundeswehr das Gelände übernahm und als Depot nutzte. In den 90ern wurde es dann Wohn- und Gewerbegebiet. Die fliegerische Vergangenheit ist völlig verschwunden – auf den ersten Blick. Aber werfen wir einen zweiten Blick: auf den Stadtplan. Alle Straßen der ehemaligen Vechtaer Marsch erinnern an den Flugplatz: Sie sind benannt nach Zeppelin, Focke-Wulf, Dornier, Messerschmidt, Fieseler, Heinkel, Junkers, und Flugmaschinen-Erfinder Lilienthal.

Beitrag von Gerhard Snitjer:

Die Kreisstadt Vechta hat sich in den vergangenen 25 Jahren ziemlich stark verändert: Rund 7.000 neue Einwohner, neue Wohn- und Gewerbegebiete, Neuorganisation des Verkehrs. Dabei wurden auch letzte Reste von etwas überbaut worden, von dem die jüngeren Einwohner wahrscheinlich gar nichts wissen: Es gab hier früher einen Flugplatz.

Autor/-in: Gerhard Snitjer
Länge: 3:34 Minuten
Datum: Dienstag, 9. Januar 2018
Sendereihe: Online | Radio Bremen

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 9. Januar, 14:40 Uhr.

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