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Luchs 349

Kleiner Wahn

4. Februar 2016

Der Kinder- und Jugendbuchpreis "Luchs" geht im Februar an das Jugendbuch "Kleiner Wahn" der australischen Autorin Dianne Touchell. Sie erzählt die Geschichte von Rose, ihrer ersten Liebe und einer Verleugnung mit tragischem Ende. Anja Robert hat das Buch gelesen.

Buchcover Kleiner Wahn von Dianne Touchell [Quelle: Königskinder Verlag]
Kleiner Wahn, Dianne Touchell, Königskinder Verlag, 15,99 € [Quelle: Königskinder Verlag]

Anja, bestimmt erzählst du mir auch diesmal, dass das ein tolles Buch ist. Sonst hättet ihr es ja nicht ausgesucht.

Ja, es ist ein tolles Buch, aber es macht es einem echt nicht leicht. Am Anfang hat es mir gar nicht gefallen, und zuerst habe ich es entnervt weggelegt. Dann hat es aber jemand anderes aus der Jury nominiert, und ich: Oh nein, jetzt muss ich es dann wohl noch mal lesen. Beim zweiten Anlauf hatte ich dann einen völlig anderen Eindruck von der Geschichte.

Was hat dich beim ersten Lesen so genervt?

Das Buch erzählt die Geschichte von Rose, einem jungen Mädchen, etwa 16 Jahre alt, die auf den ersten Blick nicht besonders sympathisch erscheint. Sie ist verschlossen und passiv, fast lahm. Rose erlebt ihre erste Liebe und ihren ersten Sex. Sie und ihr Freund denken nicht viel nach bei so viel starken Gefühlen, und Rose wird schwanger. Sie verdrängt das aber komplett, daher der Titel: "Kleiner Wahn". Ich war beim ersten Lesen richtig sauer auf Rose, weil sie sich so dämlich anstellt. Diese hartnäckige Verleugnung kam mir unrealistisch vor, obwohl die australische Autorin Dianne Touchell in einem Interview sagt, dass das Buch auf einer wahrer Geschichte beruht: "Ich sah im Fernsehen einen Bericht über ein junges Paar, das Mädchen hatte ein Kind in einem Motel geboren. Als sie aus dem Zimmer war, nahm der Junge es weg und es starb. In dem Bericht wurden die beiden Monster genannt, und es brach mir das Herz. Ich dachte, dass es hier mehr gab als nur ein Opfer." Es ist also eine heftige Geschichte über den Mord an einem Baby, und daraus hätte auch ein furchtbarer Reißer werden können oder ein pädagogisch gut gemeintes Traktat über ungewollte Teenie-Schwangerschaften, ist es aber nicht.

Sondern?

Dianne Touchell schafft es, sehr fein verästelt die Gefühle und das Verhalten von jemandem nachzuzeichnen, von dem man von außen denkt, die spinnt doch. Sie ist eine ganz feine, genaue Beobachterin, und für diese Genauigkeit und Wahrhaftigkeit nimmt sie in Kauf, dass Rose eben nicht immer sympathisch rüberkommt. In der Familie von Rose ist die Fassade sehr wichtig. Und das wird nicht einfach behauptet, sondern glasklar beschrieben, wie das Zusammenspiel in diesem Familiendreieck läuft. Zum Beispiel, wenn es darum geht, dass Rose heimlich raucht: "Ich tue so, als würde ich nicht rauchen. Meine Mutter tut so, als würde sie es nicht riechen, und mein Dad riecht nur das, was Mum ihm sagt, dass er riecht – wenn er überhaupt mal da ist..."

Also wirklich ein tolles Buch?!

Auf jeden Fall! Teilweise ist es richtig schön bösartig beschrieben, manchmal vielleicht ein bisschen zu dick aufgetragen. Mütter kriegen ihr Fett richtig weg, Schulkameradinnen sind fiese Gören, fast schon karikaturistisch fies. Die Geschichte ist harter Stoff: Es ist nämlich die Geschichte einer Verleugnung mit einem tragischen Ende. Ein literarisch traditionsreiches Motiv – das der Kindsmörderin, auf eigenständige Weise variiert, schlägt einem beim Lesen in seinen Bann und ist deswegen zu recht das beste Jugendbuch des Monats.

Über die Autorin

Buchcover Kleiner Wahn von Dianne Touchell [Quelle: privat]
Dianne Touchell [Quelle: privat]

Dianne Touchell hatte früher Angst vor dem Weihnachtsmann, dem Osterhasen, der Zahnfee und sonstigen nächtlichen Besuchern. Sie arbeitete als Sängerin in einer Bar, als Köchin und als Buchhändlerin. Ihr erster Roman "Zwischen zwei Fenstern" bekam in der australischen Presse begeisterte Rezensionen. Dianne Touchell lebt in Perth, Western Australia.

Buch-Infos:

  • Titel: Kleiner Wahn
  • Autorin: Dianne Touchell
  • Übersetzt von Birgit Schmitz
  • Königskinder Verlag
  • Preis: 15,99 Euro

Janine Horsch im Gespräch mit Luchs-Jurymitglied Anja Robert
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