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Luchs 325

Die Sprache des Wassers

Kinder- und Jugendbuchpreis

6. Februar 2014

Der Kinder- und Jugendbuchpreis Luchs geht im Februar 2014 an "Die Sprache des Wassers" von Sarah Crossan. Ein zauberhafter und poetischer Roman über ein zwölfjähriges Mädchen aus Polen, das mit der Mutter nach England ausgewandert ist und sich dort zurechtfinden muss.

Esther Willbrandt hat "Die Sprache des Wassers" gelesen:

Mich hat’s schon in dem Moment erwischt, als ich den Roman zum ersten Mal in die Hand genommen hab. Das ist so ein kostbares, liebevoll gemachtes kleines Büchlein! Es hat einen Leineneinband, das fühlt sich schon mal toll an, und dann die Farben: Aquarellblau, ein bisschen weiß, und davor ein knallroter Koffer. Das ist eigentlich schon in einer Nusschale das, worum es in diesem Buch geht: Um das Element Wasser, und um eine Reise. Und dann, wenn man es aufschlägt, die nächste Überraschung: Es sieht aus wie ein Gedichtband! Aber nicht erschrecken: Es ist eine Erzählung, und zwar eine, die man gar nicht wieder aus der Hand legen will, wenn man einmal damit angefangen hat.

Buchcover [Quelle: mixtvision]
Mixtvision Verlag, 13,90 Euro [Quelle: mixtvision]

Die Geschichte

Sarah Crossan erzählt die Geschichte eines polnischen Mädchens, das mit seiner Mutter nach England auswandert, nur mit einem Koffer und einem Wäschesack, auf der Suche nach dem Vater, der die beiden verlassen hat. Und im Verlauf des Buches muss sich Kasienka, so heißt das Mädchen, nicht nur in einem neuen Land, einer neuen Sprache, einer neuen Schule zurechtfinden – sie hat auch noch damit zu kämpfen, dass ihre Mutter total davon besessen ist, den Vater ausfindig zu machen. Wie sich Kasienka fühlt, ist dabei zweitrangig. Tatsächlich finden sie den Vater – aber natürlich gibt es nicht das erhoffte Happy End. Dafür schafft es Kasienka aber nach und nach, sich gegen ihre gehässigen Klassenkameradinnen zu behaupten, sie verliebt sich zum ersten Mal, und sie tut endlich wieder das, was sie am allerliebsten tut: Schwimmen. Denn das Wasser ist ihr Element, das spricht eine Sprache, die sie versteht. Da fühlt sie sich ganz leicht und gleichzeitig stark.
Es ist eine Geschichte vom Erwachsenwerden, es geht auch um Emanzipation und darum, Stärke zu zeigen, auch wenn man sich eigentlich unbehaglich und klein fühlt. Und es zeigt auch, wie wichtig Freunde dabei sind.

Die Form

Eigentlich ist jedes Kapitel ein Gedicht. Und jedes hat ein eigenes Thema und eine knappe Überschrift, also zum Beispiel "Behausungen", da geht es darum, dass Kasienka und ihre Mutter am Ende der Reise in einem Loch von einer Wohnung landen, und Kasienka denkt, das kann doch alles nicht wahr sein, hier können wir doch nicht leben. Und dann ist schon wieder Schluss, das nächste Kapitel heißt dann "Erster Tag", das nächste "In der Fünften", da geht’s um ihre neue Schulklasse und dass sie zu den Kleinen gesteckt wird, nur weil sie kein Englisch kann, dabei ist sie doch schon zwölf.

Aneinandergereiht erzählen alle Kapitel eine zusammenhängende Geschichte, wie eine Perlenkette. Und das ist eine ganz besondere Kunst: Sarah Crossan lässt alles Überflüssige, Beschreibende weg, es ist wie das Konzentrat einer Erzählung, unglaublich dicht und intensiv. Und poetisch. Es ist einfach sehr besonders und sehr schön. Ich habe so etwas noch nie vorher gelesen.

Wie kommt eine irische Autorin darauf, über eine polnische Immigrantin zu schreiben?

Das hab ich mich auch gleich gefragt, vor allem, weil wir in diesem Buch wirklich Einblicke in das Seelenleben von Kasienka bekommen, wir erleben mit, wie es sich anfühlt, in einem fremden Land anzukommen, und niemand erwartet einen mit offenen Armen. Die Autorin ist als Kind selbst von Irland nach England emigriert und war dort erstmal gar nicht glücklich. Später ging sie in die USA, und das war eine ganz andere, positive Erfahrung. Und deshalb wollte sie darüber schreiben, dass es solche und solche Einwanderer gibt: Die, die von einer Gesellschaft akzeptiert werden, die angesehen sind, und die, die man eigentlich gar nicht reinlassen will, weil sie den falschen Hintergrund haben. In England genau wie in Deutschland betrifft das ja in letzter Zeit vor allem Menschen aus Ost- und Südosteuropa – so wie eben Kasienka.

Das Audio:
Luchs 325 - Die Sprache des Wassers [3:20 Minuten]

Sarah Crossan [Quelle: Sarah Crossan]

Die Autorin

Sarah Crossan wuchs in Irland und England auf. Heute lebt sie in den USA. Vor ihrer Ausbildung zur Lehrerin für Englisch und Theater in Cambridge studierte sie Philosophie und Literatur. Seit ihrem Abschluss kümmert sie sich um die Förderung von kreativem Schreiben an Schulen.

Cordula Setsman [Quelle: Margit Hofmann]


Die Übersetzerin

Cordula Setsman, 1975 in Niedersachsen geboren, hat sich schon als kleines Kind am liebsten mit Büchern beschäftigt und ihrem Hund selbst ausgedachte Geschichten erzählt. Nach einem Studium der Anglistik, Skandinavistik und Germanistik in Erlangen hat sie fast zehn Jahre im Lektorat verschiedener Kinder- und Jugendbuchverlage gearbeitet. Vor ein paar Jahren zog es sie zurück in ihre Wahlheimat Fürth, wo sie am liebsten in ihrem Garten sitzt und Bücher für Kinder und Jugendliche schreibt, übersetzt und lektoriert.

Weitere Infos:
Luchs-Kinderbuchempfehlungen bei "Die Zeit"

Der Luchs