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Luchs 321

Es gibt Dinge, die kann man nicht erzählen

Kinder- und Jugendbuchpreis

2. Oktober 2013

Der Kinder- und Jugendbuchpreis "Luchs" von Radio Bremen und Die Zeit geht im Oktober an das Buch "Es gibt Dinge, die kann man nicht erzählen" von Kirsten Boie. Esther Willbrandt hat das Buch gelesen:

Buchcover: Es gibt Dinge, die kann man nicht erzählen [Quelle: Oetinger]
Kirsten Boie: Es gibt Dinge, die kann man nicht erzählen, Oetinger, 2013 [Quelle: Oetinger]

Das Buch

Kirsten Boie erzählt vier Geschichten aus dem Leben von Kindern, die in Swasiland im südlichen Afrika aufwachsen. Beispielsweise die von Lungiles kleiner Schwester Jabu, die neue Schuhe braucht, damit sie weiter die Schule besuchen darf. Da niemand Lungiles geflochtene Matten kaufen will, verkauft sie ihren Körper. Oder die von Thulani, der nachts manchmal mit seiner Mutter spricht, die neben der Hütte begraben ist. Er könnte eigentlich zur Schule gehen, da Waisen kein Schulgeld bezahlen müssen. Aber niemand hilft ihm, den Totenschein zu besorgen. Es sind Geschichten von Kindern in Afrika, die viel zu schnell erwachsen werden.

Wie erzählt Kirsten Boie diese Geschichten?

Sie steigt mitten in den Alltag dieser Kinder ein und erzählt zwar in der dritten Person, aber auch mit dem eingeschränkten Blickwinkel der Figuren. Dadurch fühlt man sich den Kindern sehr nah. Sie hat eine sehr zurückhaltende und gleichzeitig poetische, sehr bildhafte Sprache gewählt. Und vieles, was sie nicht explizit sagt, ist dadurch trotzdem irgendwie da. Ihre eigene Erschütterung überträgt sich beim Lesen, gerade weil die Bilder erst im Kopf entstehen.
Kirsten Boie weiß zudem genau, wovon sie schreibt, denn sie war schon öfter in Swasiland, da sie dort ein Hilfsprojekt unterstützt. Und sie hat dort Kinder kennengelernt, denen es so schlecht geht, dass sie es selbst, nachdem sie es gesehen hat, kaum glauben konnte. Deshalb hat sie angefangen, darüber zu schreiben, um ihre Eindrücke für sich selbst zu verarbeiten.

Warum haben die Kinder es dort so schwer?

In Swasiland sind so viele Menschen mit HIV infiziert, wie nirgendwo sonst auf der Welt. Die Lebenserwartung liegt nur bei 31 Jahren. Die Kinder sehen ihre Eltern, Tanten und Onkel sterben und bleiben ganz allein zurück. Ganze Dörfer bestehen nur noch aus Kindern und ein paar vereinzelten Großeltern. Sie besitzen nichts, die Größeren kümmern sich um die Kleineren – wobei größer auch 10 Jahre alt heißen kann. Diese Kinder können viele lebenswichtige Dinge nicht von ihren Eltern lernen: Sie wissen nicht, wie man Ackerbau betreibt oder die Hütte repariert – und wenn eine ganze Generation so heranwächst, kann man sich gar nicht vorstellen, was das für ein ganzes Land bedeutet! Diese Hintergrundinfos erfährt man vor allem aus dem Nachwort. Aber man sieht ja auch in den Geschichten, wie diese Kinder leben.

Empfiehlt sich das Buch überhaupt für Kinder?

Die Autorin schreibt in ihrem Nachwort: Diese Geschichten sind sehr traurig, aber nicht trauriger als die Wirklichkeit. Und wenn Kinder im Fernsehen und im Kino schlimme Bilder sehen dürfen, dann dürfen und sollen sie auch dieses Buch lesen, finde ich.
Ich denke, mit 11-12 Jahren kann ein Kind schon damit umgehen, dass es anderen Kindern auf der Welt schlechter geht. Das finde ich auch wichtig.

Ist es Kirsten Boie gelungen, das eigentlich nicht Erzählbare zu erzählen? 

Ja, es ist gelungen!
Es ist ein erschütterndes, aber zugleich auch ein wunderbar poetisches und dichtes Buch von berührender Schönheit, literarisch und sehr persönlich. Mit einem Nachwort der Autorin und wunderschönen Tafelbildern von Regina Kehn.

Das Audio:
Luchs 321: Es gibt Dinge, die kann man nicht erzählen [3:57 Minuten]

Die Autorin

Kirsten Boie, Kinderbuchautorin [Quelle: DPA]
Kirsten Boie [Quelle: DPA]

Kirsten Boie wurde 1950 in Hamburg geboren. Dort absolvierte sie auch Schule und Studium und wurde Lehrerin. Mit der Adoption ihres ersten Kindes gab sie die Lehrertätigkeit auf und begann mit dem Schreiben von Kinder-und Jugendbüchern. Mittlerweile sind von ihr rund 100 Bücher erschienen und in zahlreiche Sprachen übersetzt worden, einige wurden bereits verfilmt. 2007 wurde sie für ihr Gesamtwerk mit dem Sonderpreis des Deutschen Jungendliteraturpreises, 2008 mit dem Großen Preis der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet. 2011 erhielt sie für ihren Roman "Ringel, Rangel, Rosen" den Gustav-Heinemann-Friedenspreis. Im Oktober 2011 wurde sie vom Bundespräsidenten mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet.

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