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Luchs 362

Tanz der Tiefseequalle

10. März 2017

Der Luchs für den März 2017 geht an "Tanz der Tiefseequalle", das neue Jugendbuch von Stefanie Höfler. Darin geht es nicht um Meereslebewesen, sondern darum, wie schwer es ist, ein Teenager zu sein, wenn man äußerlich nicht dem Mainstream entspricht. Esther Willbrandt hat das Buch gelesen.

Der Luchs des Monats 2017 geht an "Tanz der Tiefseequalle", das neue Jugendbuch von Stefanie Höfler. Darin geht es nicht um Meereslebewesen, sondern darum, wie schwer es ist, ein Teenager zu sein, wenn man äußerlich nicht dem Mainstream entspricht. Esther Willbrandt hat das Buch gelesen.

Autor/-in: Esther Willbrandt
Länge: 4:28 Minuten
Datum: Sonntag, 12. März 2017
Sendereihe: Online | Radio Bremen

"Stell dir mal vor, du würdest so aussehen! sagt Melinda zu mir. Ich sag nichts, kicher nur ein bisschen. Kann mir echt nicht vorstellen, so auszusehen wie Niko. Aber klar starr ich ihn auch weiter an und schäm mich ein bisschen dafür. Ist allerdings ein nicht ganz ernst gemeintes Schämen, weil es zu einem guten Stück mit Erleichterung vermischt ist. Nämlich, dass ich nicht so ausseh wie Niko. Dass er Pech gehabt hat und ich Glück.

Niko, der eigentlich Nikolaus heißt, hat viele Spitznamen: Tonne, Fettauge, Doppelarsch, Panzer, Schweinebauch. In der Schule bleibt Niko immer allein, außer, wenn sich jemand  mal wieder eine neue Quälerei für ihn ausgedacht hat. Seinen Rucksack auf den Baum werfen zum Beispiel – und dann hoffen, dass er versuchen wird, da hochzuklettern. Zwischen seinem Leben und dem von Sera, dem schönsten Mädchen der Schule, liegen Welten. Sera ist die typische Mitläuferin. Sie hat nichts gegen Niko – aber mit ihm sprechen? Kommt gar nicht infrage, was würden denn die anderen sagen! Noch dazu, wo doch jetzt der coole Marko auf sie steht.

"Kann ich auch einen?" Fragt Marko. Ich weiß erst nicht, was wer meint, dann geb ich ihm einen Ohrstöpsel.  Rückt er noch näher ran, klar, jetzt muss er ja. Unsere Schultern kleben zusammen. … irgendwas kribbelt in meinem Kopf, wie ein Ameisenhaufen, in den grad jemand einen großen Stock reingerammt hat."

Beim Klassenausflug warten alle darauf, dass es passiert: Dass Marko und Sera sich zum ersten Mal küssen. Das Traumpaar! Aber auf das, was dann kommt, ist Sera nicht vorbereitet.

Dann wandert die eine Hand am Rücken entlang runter. Dann so ein kleines dreckiges Lachen. Die Hand landet bei meinem Hosenbund und schiebt sich drunter, auf meinen Hintern. Ich denk an die rote Unterwäsche. So blöd, als würde den irgendwelche Unterwäsche interessieren. Der quetscht mich an seinen Körper. Riecht nach dem braunklumpigsoßigen Essen von gestern und nach Schweiß. Mir wird schlecht, jetzt aber in echt.

Plötzlich ist Niko da. Er tut, was ihm richtig erscheint, spontan und ohne über die Folgen nachzudenken.

"Lass Sera los." Total ruhige Stimme, nicht atemlos oder ängstlich. Einfach so, tief und cool und gleich nochmal. "Lass Sera los."

Folge Nummer eins: Niko hat jetzt nicht nur den sportlichsten und beliebtesten Jungen der Schule gegen sich, sondern gleich die ganze Schulklasse.

Folge Nummer 2: Sera nimmt Niko zum ersten Mal bewusst wahr – als mutigen, sensiblen und, ja: ziemlich coolen Jungen. Total verwirrend das alles. Mit ihrer Freundin Melinda darüber sprechen kann sie natürlich nicht - aber Niko weiterhin links liegen lassen, das geht jetzt auch nicht mehr… Also fordert sie ihn bei einer Party zum Tanzen auf – ausgerechnet Stehblues. Und überrascht sich selbst damit genauso wie alle anderen.

Und dann weiß ich kurz nicht, wie es weitergehen soll. Aber Niko, der tanzt einfach los. Und was soll ich sagen, der tanzt exakt im Takt.

Nach einer Schrecksekunde bricht er los: Der erste Shitstorm in Seras Leben.

Guck mal, sein Bauch berührt sie! "Igitt!"

Hast du keine Angst, dass sein Fett ansteckend ist?
Der Liebestanz der Tiefseequalle!

Sera und Niko fliehen – Hals über Kopf in die Nacht. Und in eine wunderschöne Freundschaftsgeschichte. Sera erfährt, dass Niko gerne Sachen erfindet. Niko fragt Sera wie es ist, schön zu sein. Sera stellt fest, dass Niko sehr schöne Augen hat. Und Niko erklärt Sera seine Sicht auf die Welt.

Es ist nicht so wahnsinnig witzig, fett zu sein, da hast du schon recht. Im Gegenteil, meistens sogar ziemlich unwitzig, ehrlich gesagt. Nur, das heißt nicht, dass alles andere auch unwitzig ist, weißt du. Oder dass man nichts auf der Welt witzig finden kann.

Genau das ist die Grundstimmung des Romans. Die Situation, in der die beiden stecken ist alles andere als lustig. Und doch gibt es unzählige Gelegenheiten, beim Lesen zu lachen – mit den Protagonisten, niemals über sie. In winzigen Schritten bewegen Niko und Sera sich aufeinander zu – gleichermaßen fasziniert wie verunsichert.

Weil: Theoretisch ist das natürlich so was von gar nicht wichtig, wie jemand aussieht. Praktisch aber schon. Und wer etwas anderes sagt, der braucht einen Blindenhund.

Mit Tanz der Tiefseequalle dringt Stefanie Höfler in ein Kernthema des Erwachsenwerdens vor und lässt abwechselnd Sera und Niko aus ihrer Sicht erzählen. Wenn der eine absetzt, nimmt die andere den Faden auf und umgekehrt. So entsteht ein überzeugendes, fein abgestimmtes Wechselspiel aus Außen- und Innensicht eines übergewichtigen Teenagers – genau beobachtet und dennoch unaufdringlich. Zu erleben, wie Sera und Niko ihren Weg durch ein Dickicht aus Vorurteilen und Ablehnung finden, ist für uns Leser ein Geschenk – und hochromantisch ist es obendrein.

Stefanie Höfler: Tanz der Tiefseequalle; Beltz & Gelberg; 192 Seiten; 12,90 €

Der Luchs