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Hörspiel-Tipp

Und Marx Stand Still in Darwins Garten

10. Oktober 2017

Karl Marx und Charles Darwin, zwei der wichtigsten Denker des 19. Jahrhunderts, lebten mehrere Jahrzehnte lang weniger als 20 Meilen voneinander entfernt in London. Zu einem Treffen kam es nie. Was aber, wenn doch? Diese Frage stellt die Münchner Journalistin Ilona Jerger in ihrem Roman.

Hörbuch-Cover: Und Marx stand still in Darwins Garten [Quelle: Hörbuch Hamburg]
Ilona Jerger: Und Marx stand still in Darwins Garten, Hörbuch Hamburg, 2017 [Quelle: Hörbuch Hamburg]

Peter Kaempfe liest die Hörbuchfassung, und Florian Bänsch stellt sie uns vor.

 

Ilona Jerger: Und Marx stand still... []

Eigentlich ist es ein Roman über die Liebe. Die Liebe zweier Männer zu ihrem Leben, ihrem Werk, ihren Frauen und letztendlich zueinander. Die Leidenschaft, mit welcher der Denker sein Gedachtes verfolgt: Karl Marx und seine Revolution. Charles Darwin und sein Garten.

Charles nahm seine Wurmlisten aus dem Schreibtisch und hielt Stoppuhr und Stift bereit. Er wollte endlich herausfinden, ob und wie diese Wenigborster, die des Nachts umherwanderten, und sei es auch nur im beengten Umkreis der Wedgewood-Schüsseln, auf Helligkeitsreize reagierten. Dass sie taub waren, hatte er bereits bewiesen.

Zwei alte Männer

Die Politik, die Wissenschaft und die Religion, mit denen sich dieses Hörbuch in Anbetracht der beiden Hauptfiguren befasst, lassen sich, wenn man will, einfach zur Seite tun. Darum geht es nicht. Es geht um zwei alte Männer in ihrem letzten Lebensjahrzehnt; um zwei alte und kranke Männer, die noch immer brennen für ihr Werk; um einen Hypochonder und einen Genussmensch. Marx, der krakeelende Deutsche im Exil; Darwin, der von der Öffentlichkeit misstrauisch beäugte englische Forscher. Zwei alte Knacker eben, die fast nur zufällig auch zwei der revolutionärsten Figuren europäischer Geschichte sind.

Während die beiden so nebeneinander standen, nahm der Wind an Stärke zu. Er schüttelte die Bäume, von denen immer mehr Tropfen herabfielen und beim Aufschlagen trommelten. Ohne dieses Getrommel hätte man vielleicht das Rauschen der Bärte hören können.

Schlauer Handgriff der Autorin

Marx und Darwin lebten 30 Jahre lang weniger als 20 Meilen voneinander entfernt in London. Ilona Jerger, die Autorin dieses wundervollen Buches, hat sich einen schlauen Handgriff überlegt: Was, wenn die beiden denselben Hausarzt hatten? So tritt dann der fiktive Dr. Beckett auf die Bühne, Dr. "Was-Wäre-Wenn", der diesen 20-Meilen-Zwischenraum navigiert und Nachrichten zwischen den beiden austauscht. Es ist herrlich.

Seine pechschwarzen Augen funkelten, als er sagte, er habe vielleicht manchmal "too many irons in the fire!" Lenchen rollte mit den Augen, als sie ungeduldig zu Dr. Beckett hinüberschaute, als wollte sie sagen: "Sehen sie? Das meinte ich. Er tut alles, nur nicht seine eigentliche Arbeit."

Nun sind diese Drei sehr charmant zusammen, und das reicht schon für ein tolles Buch. Jerger aber legt noch nach, bedient auch die Neugierigen auf Werk und Wirken der Männer, bedient die Anspannung, die Darwins Theorien in ein Land bringen, in dem nicht wenige nach Säkularisierung rufen. Der Autorin gelingt, und man ist dankbar dafür, dass diese Stellen keine eingeschobenen Lexikoneinträge sind, sondern immer nur dann existieren, wenn man durch sie etwas Neues über die alten Männer lernt.

Dass ausgerechnet der Zufall die größte Wirkkraft der Evolution ist, ist nicht befriedigend. Obwohl ich keine Sekunde daran zweifle, dass es so ist, mag ich diese Ziellosigkeit selbst nicht. Unser Leben hat dadurch den faden Beigeschmack bekommen, dass niemand uns gewollt hat. Die Erde als riesiges Casino, in dem die Natur Treffer und Nieten erzielt? Das ist ein Lebensgefühl, das nur wenige zu schätzen wissen…

Peter Kaempfe liest hervorragend

Alles kulminiert in einem Dinner, bei dem nicht nur Marx und Darwin, sondern auch ihre Familien sowie Vertreter der Kirche um einen Tisch sitzen. Eine große Szene, aus der hier nichts erzählt werden soll. Nur einer muss noch erwähnt werden: Peter Kaempfe, der in "Und Marx stand still in Darwins Garten" eine Meisterleistung des Erzählens liefert. Schwer zu sagen, wer mehr Spaß hat: Er, der liest, oder wir, die zuhören.

Infos:
Ilona Jerger: "Und Marx Stand Still in Darwins Garten", der Hörverlag, Hörspiel: 53 Minuten

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 10. Oktober, 9:20 Uhr

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