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Der Kommentar

Zerlegen wir unsere weihnachtlich-christliche Identität?

Ein Kommentar von Martin Busch.

19. Dezember 2017, 8:40 Uhr

Das Johanneum in Lüneburg ist eine Schule mit 600-jähriger Geschichte. Zeit für ein Novum: Die Weihnachtsfeier findet dieses Mal am Nachmittag statt und die Teilnahme ist freiwillig. Was hat den Sinneswandel der Schulleitung bewirkt? Im vergangenen Jahr hatte sich eine muslimische Schülerin beschwert: Die auf der Feier gesungenen christlichen Lieder seien nicht mit ihrem Glauben vereinbar. Und da das Gymnasium nicht noch mehr muslimische Mitbürgerinnen und Bürger verärgern möchte, diese Entscheidung. Ein Kommentar dazu von Martin Busch.

Martin Busch [Quelle: Radio Bremen]
Martin Busch

Kommentar von Martin Busch:
Zerlegen wir unsere Identität? [3:01 Minuten]

Ich bin gestern Nachmittag in der Fußgängerzone von Bremen-Vegesack gewesen. Da stand ein Straßenmusiker mit seiner Akustik-Gitarre und spielte "Stille Nacht, heilige Nacht". Es klang vertraut, es klang passend. Sechs Tage vor Heiligabend. Mitten in Deutschland. Ich bin kein gläubiger Christ, aber ich bin vor knapp 45 Jahren in diesem Land geboren, und ich liebe die Rituale der Advents- und Weihnachtszeit. Es gibt kulinarische, symbolische und eben auch musikalische Rituale.

Das Kreuz mit der Diskussion über das Kreuz

Wir haben zwar Industrie 4.0, sind aber Mensch 1.0. Will sagen: Wir brauchen das Wiederkehrende. "Die Hoffnung und Beständigkeit gibt Trost und Kraft zu jeder Zeit." Das Christentum ist seit 1919 nicht mehr Staatsreligion. Die Aufsicht der Kirche über die Schule existiert seitdem nicht mehr. Gut so, sage ich. Wie Religionsunterricht beschaffen sein sollte in einer säkularen Einwanderungsgesellschaft, darüber wird ein Jahrhundert später munter diskutiert. Das Kreuz gehört meines Erachtens nicht an die Wand eines Klassenzimmers, aber diese Lieder, die im letzten Monat des Jahres erklingen und auf das höchste Fest der Mehrheitsgesellschaft einstimmen, sie sind in Deutschland mehr Brauch als Ausdruck von Religiosität. Der sakrale Charakter dieser melodiösen Verbundenheit ist marginal. Bei den Sängerinnen und Sängern, die nicht Mitglied einer christlichen Kirche sind, ohnehin.

Schaffen wir unsere Identität ab? Füttern wir damit Rechtspopulismus?

Das Lüneburger Gymnasium kann sich auf das niedersächsische Schulgesetz berufen. Es besagt, dass im Unterricht auf religiöse Überzeugungen zu achten ist und auf Empfindungen Andersdenkender Rücksicht genommen werden muss. Ein Verbot christlicher Lieder sei dieser Paragraf allerdings nicht, so die oberste Schulbehörde in Niedersachsen. Ich kann es auch nicht leiden, wenn missioniert wird. Mir reichen schon die ganzen Callcenter, die einem irgendwas andrehen wollen. Aber das, was sich hierzulande abspielt, das kann man durchaus "Selbstvergleichgültigung" nennen. Dieses Wort wählte der evangelische Bischof Wolfgang Huber vor einiger Zeit. In vorauseilendem Gehorsam zerlegen wir die – seit 1945 friedfertige – kollektive Identität und füttern stetig den sogenannten Rechtspopulismus. Diese kollektive Identität billigen wir interessanterweise jeder anderen Gesellschaft auf diesem Planeten zu. Deren Existenz ist sogar gewünscht, Stichwort "exotische Urlaubsziele".

Toleranz ist keine Einbahnstraße

Meine Mutter hilft afghanischen Kindern bei der Integration: sie macht mit ihnen Hausaufgaben, bringt ihnen Deutsch bei, erzählt ihnen vom freiheitlichen, aufgeklärten Leben innerhalb unserer Landesgrenzen. Angesichts der Tatsache, dass muslimische Verbände die nicht-muslimischen Einheimischen regelmäßig auffordern, doch mal eine Moschee zu besuchen, hat sie dem aus Afghanistan stammenden Nachwuchs kürzlich geraten, doch einmal eine christliche Kirche zu betreten. Jetzt, wo die Deutschen Christi Geburt feiern. Dazu muss man wissen: Meine Mutter ist eine kirchenkritische Atheistin. Wenn selbst sie das Gefühl hat, dass wir unsere christliche Herkunft deutlicher kommunizieren müssen, dann muss was faul sein im Staate Deutschland.

Christliche Lieder sind Teil unserer (Leit-) Kultur

Es wird immer weniger Schweinefleisch in Kita- und Schulküchen angeboten. Ebenfalls aus Rücksicht auf die muslimischen Kinder. Und weil Experten das Fleisch im Vergleich zu anderen Sorten als minderwertig einstufen. Über die Qualität von "Oh, Du fröhliche", "Ihr Kinderlein kommet" oder "Leise rieselt der Schnee" kann man sicher streiten. Diese Lieder sind aber – anders als das Schweinefleisch – Teil unserer Kultur. Man kann, nein, man muss sogar sagen: unserer Leitkultur.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 19. Dezember, 08.40 Uhr.

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