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Krimi-Tipp

Olga

12. Januar 2018

Bernhard Schlink ist eigentlich Jurist, hat aber eine beeindruckende Schriftsteller-Karriere hingelegt. Sein Roman "Der Vorleser" wurde 1995 zum Welt-Besteller. Jetzt ist sein neues Buch erschienen. Darin geht es um die Geschichte eines ungleichen Liebespaares in Pommern. Katrin Krämer hat es bereits gelesen.

Cover: Bernhard Schlink, Olga, Diogenes [Quelle: Diogenes]
Bernhard Schlink, Olga, Diogenes [Quelle: Diogenes]

Bernhard Schlink: Olga [4:17 Minuten]

Bernhard Schlinks Romane beschäftigen sich ja oft mit der deutschen Vergangenheit, ist das bei "Olga" auch so?

Ja, aber diesmal nimmt er sich nicht gezielt eine Epoche vor, wie beim "Vorleser" die Nachkriegszeit und den Nationalsozialismus, sondern er spannt seinen Erzählbogen gleich mal vom späten 19. bis ins 21. Jahrhundert. Es ist die Geschichte von Olga und Herbert, ein ungleiches Liebespaar in Pommern. Olga stammt aus sehr ärmlichen Verhältnissen und wächst ohne Eltern bei der lieblosen Großmutter auf. Die kann mit diesem seltsamen Kind nicht viel anfangen. Herbert und seine Schwester Victoria stammen aus einer wohlhabenden Fabrikantenfamilie. Die drei freunden sich an. Olga und Herbert verlieben sich. Olga arbeitet als Lehrerin. Herbert zieht für’s Deutsche Reich mit den Kolonialtruppen zum Kampf gegen die Herero. Später macht er sich sogar auf zu einer Expedition in die Arktis. Olgas Leben besteht im Wesentlichen daraus, auf Herbert zu warten und Briefe zu schreiben.

Schlink ist doch auch ein guter Erzähler. Das klingt etwas eindimensional?

Der Erzähl-Duktus ist etwas bieder und bedächtig. Schlink ist ja auch ein altmodischer Erzähler. Aber dann macht er etwas sehr Erstaunliches: Das Tempo zieht an, Schlink fasst die kommenden Ereignisse plötzlich in wenigen Absätzen zusammen: Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, Olga ist als alte Frau in den 1950er Jahren im Südwesten der Republik gelandet. Die Geschichte im Schnellwaschgang – das hat mich auch wieder irritiert.

Was gibt denn dem Roman die Wendung?

Im zweiten und dritten Teil wechselt Schlink die Erzählperspektive. Olga hat inzwischen ihr Gehör verloren. Sie muss ihre Rente mit Näharbeiten aufbessern und arbeitet für eine Familie. Deren Sohn Ferdinand wird für sie zur Bezugsperson. Sie begleitet ihn durch seine Kindheit und Jugend, und sie verlieren auch nicht den Kontakt, als sie eine hochbetagte Dame ist und er Philosophiestudent.

Dann kommt Olga unter sehr merkwürdigen Umständen ums Leben. Ferdinand beginnt, ihr Leben zu erforschen. Und dann wird es richtig spannend: Schlink macht einen Lebens-Krimi daraus, weil er die für uns losen Enden zusammenfügt. Er hat aus diesen Versatzstücken einen Roman kreiert, der mich überwältigt hat. Der Erzähler begibt sich auf die Spuren, die Olga hinterlassen hat. Und dann gibt es auch noch zwei Wendungen...

Also, ein lesenswerter Roman?

Ja, ich finde ihn in der Gesamtschau wirklich großartig, weil er die deutsche Geschichte minimal-invasiv und wie aus der Froschperspektive beschreibt. Und wie Bernhard Schlink erzählt, wie eine starke Frauenpersönlichkeit alles mal eben durchlebt, was dieses Land mit seinen zwei Weltkriegen und der Nachkriegszeit zu bieten hatte. Es gelingt ihm kunstvoll, die Handlungsebenen zu verflechten.

Infos:
Bernhard Schlink: "Olga", Diogenes Verlag, 320 Seiten, 20,99 Euro

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 12. Januar 2018, 9:20 Uhr

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