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Krimi-Tipp

Fronten

14. September 2017

Leonhard Seidl hat einen hochaktuellen Kriminalroman nach einer wahren Geschichte geschrieben. Es geht um Rechtsradikale, Waffenhändler und Fremdenfeindlichkeit. Unsere Krimiexpertin Anja Goerz hat ihn gelesen. 

Cover: Leonhard F. Seidl, Fronten, Edition Nautilus [Quelle: Edition Nautilus]
Leonhard F. Seidl, Fronten, Edition Nautilus [Quelle: Edition Nautilus]

Leonhard F. Seidl: Fronten [3:38 Minuten]

Um welchen realen Fall geht es in diesem Buch?

Der Autor hat sich inspirieren lassen von einem Ereignis im Jahr 1988. Damals hat im oberbayerischen Dorfen ein Mann aus Jugoslawien drei Polizisten erschossen. Es folgte eine Welle fremdenfeindlicher Reaktionen – und das Landratsamt Erding hielt Schriftstücke über den Fall unter Verschluss.

Wird diese Geschichte als Krimi erzählt?

Nein, dieser reale Fall dient als Inspiration für Seidls Geschichte: Es geht um den bosnischen Waffensammler Ayyub. Für ihn bedeutet Vergangenheit, dass jederzeit eine Bombe hochgehen kann. Markus, ein fanatischer "Reichsbürger", sinnt auf Rache. Und zwischen diesen Fronten steht die Kurdin Roja, die schon in Deutschland aufgewachsen ist und inzwischen als Ärztin arbeitet. Die Geschichten dieser drei werden uns immer aus der jeweiligen Perspektive erzählt. Markus zum Beispiel pflegt seine Großeltern, ist als Kind schon mit Judenhass gefüttert worden und hat früh gelernt, was Chemtrails sind. Diese Geschichten verbinden sich durch den Anschlag auf die Polizisten auf der Wache…

Was sind Chemtrails

Dieser Begriff wurde in den 90er-Jahren geprägt und hängt mit einer Verschwörungstheorie zusammen. Diese besagt, dass angeblich ausländische Mächte oder Regierungsstellen absichtlich Gift per Flugzeug großflächig verbreiten. Hintergrund: Das Testen von technischen Mitteln, um Klima oder Bevölkerungsgesundheit zu beeinflussen.

Ist das glaubwürdig?

Ja, glaubwürdig und nachvollziehbar. An manchen Stellen fast übertrieben klischeehaft, wenn der Opa vor dem Fernseher sitzt und über die Amerikaner schimpft, aber gerade das macht es auch so echt. Seidl erzählt in einer knappen Sprache, manchmal stakkatohaft, das gibt dem Ganzen ein wahnsinniges Tempo. Man ist schon nach wenigen Sätzen mittendrin in der Geschichte. Die Perspektivwechsel sind sehr nah an der jeweiligen Person. Da ändert sich der Tonfall, je nachdem, ob der rechtsradikale Markus denkt und spricht oder die Ärztin Roja. Die Erzählweise ist sehr gelungen. Ergänzt wird die Geschichte durch Polizeiberichte. Zu Beginn jedes Kapitels geht es um Ereignisse, die an diesem Tag, an dem wir uns befinden, Geschichte geschrieben haben.

Was ist das Besondere an diesem Buch?

Natürlich die Aktualität: Hass auf Fremde, Verurteilungen ohne Grund – das sind Themen, die zurzeit leider sehr aktuell sind. Es wird sehr anschaulich geschildert, wie ein Verdacht entsteht, was Glaube – egal ob an einen Gott oder an Chemtrails – bewirken kann und wie dann eine Lawine in Gang gesetzt wird, die sich nicht mehr aufhalten lässt. Niemand fragt nach dem Warum, es wird verurteilt und gerichtet. Wir wissen am Ende des Krimis, was passiert ist und warum – aber die Polizei und auch die Presse in diesem Roman bleiben ahnungslos. Auch das haben wir in der Realität ja bereits erlebt.

Buchinfos:
Leonhard F. Seidl: "Fronten", Kriminalroman, Edition Nautilus, 160 Seiten, 16 Euro

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 14. September 2017, 9:20 Uhr

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