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Buch-Tipp

Im Herbst

6. Oktober 2017

Der norwegische Schriftsteller Carl Ove Knausgard ist mit seinem autobiographischen Roman-Projekt "Mein Kampf" weltweit bekannt geworden. Nun folgt ein neues literarisches Projekt: Vier Jahreszeitenbände, deren erster Band "Im Herbst" gerade in deutscher Übersetzung erschienen ist. Christine Gorny hat das Buch gelesen.

Cover: Im Herbst [Quelle: Luchterhand Literaturverlag]
Karl Ove Knausgård: Im Herbst, Luchterhand Literaturverlag, 2017 [Quelle: Luchterhand Literaturverlag]

Ein Knausgard, der nicht über sein eigenes Leben schreibt, ist ja kaum vorstellbar, oder?

Jedenfalls scheint das die Phantasie des Autors selbst zu sprengen. Denn letztlich schöpft Knausgard auch hier wieder aus seinem eigenen Erleben. Das Buch beginnt mit einem "Brief an eine ungeborene Tochter", einem Brief an sein viertes Kind. Er will diesem – damals noch nicht geborenen – Kind die Welt beschreiben. Und natürlich ist solch ein Vorhaben sehr persönlich. Insgesamt enthält das Buch drei direkte Briefe an die Tochter. Aber der Großteil der insgesamt knapp 300 Seiten sind kurze Kapitel, in denen er jeweils ein Thema abhandelt. Was eben das Kind auf dieser Welt so alles erwarten könnte – in einem thematisch sehr breiten Rundumschlag.

Welche Themen behandelt er?

Das reicht von "A" wie Apfel bis "Z" wie Zähne. Wenn Knausgard etwa den Geschmack eines Apfels im Mund beschreibt, liest sich das wie eine Übung aus einem Achtsamkeitsseminar. Wenn er über die Milchzähne der Kinder schreibt, werden die Zähne zum Sinnbild für Vergänglichkeit. Er schreibt über Kopfläuse und Schweinswale, über Kaugummis und Konservendosen. Stets angereichert mit philosophischen oder psychologischen oder sonst wie hintersinnigen Exkursen. Wenn es um Autos geht, wird daraus eine Mini-Psychoanalyse seiner Eltern; wenn von Flaubert die Rede ist, erfahren wir, dass "Madame Bovary" der beste Roman der Welt ist. Dabei sind die thematischen Sprünge zwischen den Abhandlungen so schwindelerregend wie provokant: Auf "Kirchen" folgt "Pisse", auf "Flaubert" "Erbrochenes". Und wenn er im Kapitel Schamlippen en détail beschreibt, wie er seine Nase zwischen den Beinen seiner Frau eingräbt, fragt man sich unwillkürlich, ob seine mittlerweile geborene Tochter das alles eigentlich so genau wissen will.

Taugen diese Abhandlungen etwas, um der Tochter die Welt zu erklären?

Auf jeden Fall muss sein Kind dafür wohl erst noch ein paar Jahre älter werden. Aber schließlich richtet sich Knausgard ja auch an seine erwachsene Leserschaft, möglicherweise sogar an das Kind im Leser, als Anregung, neu auf die Welt zu blicken und auf die vielen kleinen Versatzstücke, die sie ausmachen.

Das klingt ja fast nach einem etwas anderen Andachtsbuch oder nach einer Sammlung von Meditationen?

Tatsächlich kommt die Ausgabe auch ein bisschen so daher, als gebundenes Buch, mit Bildern der norwegischen Künstlerin Vanessa Baird illustriert: Landschaften, oder kahle November-Zweige, oder auch ein nacktes Baby. Wenn Themen wie Sonne, Bienenzucht oder Vergebung verhandelt werden, entspricht das ja auch diesem Genre im weitesten Sinne, aber selbst wenn er sich Erbrochenes vornimmt, die unterschiedliche Farbe und Konsistenz, der Anblick in der Kloschüssel oder auf dem Holzparkett – führen diese Schilderungen die Leserschaft zu einer Art höheren Erkenntnis empor, dass nämlich der natürliche Ekel vor menschlichen Ausscheidungen durch Liebe zu den Kindern überwunden werden kann.

Dein Fazit?

Knausgard ist nach wie vor ein grandioser Beobachter mit wachem Blick fürs Detail, sprachlich virtuos und gleichzeitig präzise. Trotzdem entwickelt "Im Herbst" nicht ansatzweise den Sog seiner autobiografischen Bücher. Das liegt vor allem an einem merkwürdig pathetischen und bedeutsamen Sound, mit dem Knausgard seine insgesamt recht belanglosen Alltagsthemen zwischendurch unvermittelt aufbauscht und beispielsweise das Zusammensein von Mann und Frau als etwas Heiliges und Erhabenes bezeichnet. Vielleicht wollte er, indem er sich seiner Familie hier fast rührselig nähert, wiedergutmachen, was er ihr mit der Bloßstellung in den autobiografischen Büchern zugemutet hatte. Das hätte er aber für meinen Geschmack lieber im privaten Kreise aushandeln sollen.

Buchinfos:
Karl Ove Knausgard: Im Herbst, Luchterhand Literaturverlag, 288 Seiten, 22 Euro

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 7. Oktober 2017, 9:20 Uhr

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