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CD-Tipp

Native Invader

19. September 2017

Sie ist eine Musikerin, die oft polarisiert hat: Für ihre Fans ist die amerikanische Sängerin, Songwriterin und Pianistin eine tiefgründige Künstlerin voller Intensität, andere finden sie etwas exaltiert und überambitioniert. Auch das neue Album bietet Stoff für kontroverse Diskussion und ist kein leichter Fall.

Cover: Tori Amos, Native Invader, Decca [Quelle: Decca]
Tori Amos, Native Invader, Decca [Quelle: Decca]

Ein Statement der Zeit

"Little Earthquakes" – Kleine Erdbeben. So hieß vor fünfundzwanzig Jahren das erste Tori Amos-Erfolgsalbum, und es wühlte ihr Publikum auf. Mit feministisch unterfütterten Song-Inhalten und einer Musik, die auf pianistischer Könnerschaft und einer ganz eigenen Gesangs-Intensität basierte. Viele Wandlungen folgten: Tori Amos mal solo, mal mit Band, mal quasi-klassisch, dann wiederum ganz pop-orientiert. "Native Invader" ist wieder ein Pop-Album geworden und dazu ein Statement der Zeit. Es verschränkt das Persönliche mit dem Politischen. Tori Amos wurde dazu inspiriert von der problematischen Weltenlage und von einer Reise in die eigene Familiengeschichte.

Mit dem traumverloren mystischen Song "Reindeer King" eröffnet Amos das Album. Er steht beispielhaft für ihren aktuellen Ansatz: Es geht um das große Ganze, gefiltert durch ein individuelles Bewusstsein. Die Künstlerin singt von Trauer und von einer eisigen Landschaft, vom "König der Rentiere", der ihr mitteilt: "Du musst zur Reinheit der Seele zurückkehren." Jeder Song des Albums ist beziehungsreich auf ominöse Art. Eines aber ist ganz klar: Mutter Erde spielt eine zentrale Rolle. Die bedrohte Natur als gefährdete Quelle des Lebens, Zuflucht und Inspiration. Tori Amos ist halb-indianischer Herkunft. Sie fuhr im Vorfeld der Produktion in die Carolinas, begab sich auf Spurensuche in das Land ihrer Ahnen.

Umdenken gefordert

Tori Amos ist mit ihrer exaltiert-theatralischen Art nicht vor Kitsch gefeit. Und so lädt auch das Klangbild von "Native Invader" – "eingeborener Eindringling" – mit seinen bisweilen großen Hallräumen dazu ein, sich unreflektiert aus der Realität forttragen zu lassen. Doch das Gegenteil ist auch gewollt. Wenn Amos im Song "Up The Creek" beispielweise von "Klimablinden" und Kontrolle durch eine "Geistes-Miliz" singt, dann betreten Trump und & Co mitsamt ihrer destruktiven Klimapolitik und Fake News-Agenda die Bühne des Albums.

"Native Invader" von Tori Amos ist ein ambitioniertes Pop-Album. Ein konsequent ausdrucksorientiertes Album. Ein Album, auf dem aber nicht alle Songs qualitativ überzeugen. Es geht letztendlich um die eindringliche Botschaft: Wir müssen ein anderes Bewusstsein entwickeln, können Widerstandskraft und Inspiration finden vor allem in der Natur und ihren Gesetzen. Der beste Song steht am Ende: "Mary’s Eyes" – ein Song für Mary, die 88-jährige Mutter von Tori Amos, nach einem Schlaganfall ein schwer beeinträchtigter Pflegefall. Am Ende steht also das individuelle Schicksal,  das Persönliche, der familiäre Zusammenhalt. Doch die Sorge um das große Ganze bleibt und hallt nach.

Tori Amos: Native Invader [3:40 Minuten]

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 19. September 2017, 11:40 Uhr

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