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Welttag des Sehens

"Blindsein ist keine Katastrophe!"

Der schnelle Blick aufs Handy, Bremsen an der roten Ampel, abends vor dem Fernseher relaxen. Ganz normal. Aber wie ist es, wenn plötzlich alles schwarz ist? Am "Welttags des Sehens" haben wir mit Joachim Steinbrück über seine Erblindung gesprochen, und unsere Reporterin Claudia Scholz hat den Selbstversuch gewagt und sich blind in der Bremer Innenstadt bewegt.

Zwei blinde Menschen auf der Straße [Quelle: Imago, Geisser]
Der Alltag im Straßenverkehr ist für viele Blinde die größte Herausforderung. [Quelle: Imago, Geisser]

Joachim Steinbrück, Landesbehindertenbeauftragter in Bremen, ist seit seinem 15. Lebensjahr erblindet. Er kann damit gut umgehen. "Es gibt inzwischen diese Seite in meinem Leben, wo ich sozusagen nicht auf das halbleere Glas gucke, sondern auf das halbvolle! Ich habe mich dazu entschieden, mich auf die Dinge zu konzentrieren, die dennoch möglich sind zu tun." Im Alltag sei es aber natürlich häufig unpraktisch und in der Organisation aufwändiger, meint Steinbrück ganz sachlich.

Für immer dunkel – und nun?

Über seiner Kindheit hing immer das Damoklesschwert der drohenden Erblindung. Das sei belastender gewesen als der Verlust der Sehkraft selbst.

Als es passiert ist, habe ich gemerkt „Es geht weiter“. Es ist gar nicht eine so große Katastrophe, wie ich es mir vorgestellt habe.
Dr. Joachim Steinbrück, Landesbehindertenbeauftragter der Freien Hansestadt Bremen [Quelle: Der Landesbehindertenbeauftragte]
Dr. Joachim Steinbrück, Landesbehindertenbeauftragter der Freien Hansestadt Bremen [Quelle: Der Landesbehindertenbeauftragte]

Die Lebensumstellung wurde Joachim Steinbrück leicht gemacht: Als sehbehindertes Kind ging er bereits mit 12 auf eine spezielle Schule und hatte Kontakt zu anderen völlig erblindeten jungen Menschen, die Fußball spielten und sich balgten. Da habe er sich auf alles vorbereitet, indem er einfach mitgemacht habe.

Herausforderung im Alltag

Was er am meisten vermisst, sei, andere Menschen zu sehen. Die Mode habe sich ja verändert, und auch sich selbst hat Joachim Steinbrück das letzte Mal als pubertierenden Jugendlichen gesehen.

Die größte Herausforderung im Alltag sei der Lärm auf seinem Arbeitsweg: Piepende Müllwagen, Baufahrzeuge, rückwärtsfahrende LKW. "Das ist manchmal beängstigend und manchmal einfach so laut, dass ich dann die Straßenbahn nicht höre." In solchen Fällen konzentriert sich der Landesbehindertenbeauftragte auf seinen Blindenstock oder spricht Passanten an, um die Umgebung und die Situation besser einschätzen zu können.

Sehenden rät Steinbrück beim Umgang mit Blinden: Die Frage "Brauchen Sie Hilfe?" reicht aus. Das Wichtigste sei aber, auch ein Nein zu akzeptieren. "Ich erlebe häufig, dass Menschen gar nicht richtig einschätzen können, was für mich gefährlich oder gar nicht gefährlich ist."

"Blindsein ist keine Katastrophe!" [5:23 Minuten]

Blind für eine Stunde

Bremen-Zwei-Reporterin Claudia Scholz hat zum Welttag des Sehens einmal getestet, wie es sich anfühlt, blind zu sein. Zusammen mit Hannelore Sommer vom Bremer Blinden- und Sehbehindertenverein war sie in der Bremer Innenstadt unterwegs – mit einem Taststock und einer schwarzen Maske über den Augen. Sie sagt: "Auf einmal war meine Welt ganz klein!"

Reportage: Blind für eine Stunde [2:59 Minuten]

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 12. Oktober, 6:35 Uhr.

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