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Shortlist – Deutscher Buchpreis

"Lyrik - der Brühwürfel der Welterkenntnis"

Gespräch mit Silke Behl, Jury-Mitglied

12. September 2017

Frankfurter Buchmesse: Die Jury hat entschieden und ihre Auswahlliste für den Deutschen Buchpreis, die Shortlist, bekannt gegeben. Darüber sprechen wir mit Literaturredakteurin Silke Behl. Sie hat alle diese Bücher gelesen und sitzt in diesem Jahr mit in der Jury.

Ein Bücherstapel [Quelle: DPA, Jens Kalaene]

Shortlist - Gespräch mit Silke Behl [5:58 Minuten]

Konzentration auf die Sache

Silke Behl hat eine lange Vorbereitungszeit hinter sich, "man ist monatelang mit der Lektüre beschäftigt, man vergleicht, man spricht mit den Jury-Kollegen, welche Romane spannend sind, was erzählt wird, wie erzählt wird und wie mit Sprache gearbeitet wird. "Unterschiedliche Sichtweisen", die lägen in der Natur der Sache.

Ich glaube, dass die sieben Jury-Mitglieder auch für diese unterschiedlichen Sichtweisen stehen. Silke Behl

Es sei ein "hartes, aber immer kollegiales Geschäft". Das Bild, dass sich präsentiert habe, sei sehr facettenreich. "Alle Romane auf der Shortlist stehen wirklich für die Stärke der Literatur, so etwas wie eine erweiterte Wirklichkeit zu zeigen und dadurch neue und ungewöhnliche Blicke zu eröffnen". Blicke auf das, was uns heute umgibt, was uns beschäftige, in einer Welt, die immer komplexer zu werden erscheine. Und alle Romane dieser Liste "verknüpfen das große Ganze mit dem Erleben des Individuums".

Die Nominierten

Auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stehen: Thomas Lehr, Marion Poschmann, Gerhard Falkner, Franzobel, Robert Menasse und Sasha Marianna Salzmann. Die Jury-Begründung zur Auswahl: "Kühnes Denken: Das ist es, was die Texte der Shortlist miteinander verbindet." Auch Lyrik ist dabei. Das sei "der Brühwürfel der Welterkenntnis", erklärt Silke Behl.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 12. September, 11:10 Uhr.

Sasha Salzmanns Roman "Außer sich"

Sasha Salzmann bei einer Lesung am Wannsee [Quelle: Radio Bremen, Lore Kleinert]
Auch das neue Buch von Sasha Salzmann steht auf der Shortlist. [Quelle: Radio Bremen, Lore Kleinert]

In Istanbul, der flirrenden, zerrissenen Stadt am Bosporus, und in der eigenen Familiengeschichte macht sich eine junge Frau auf die Suche – nach dem verschollenen Bruder, aber vor allem nach einem Gefühl von Zugehörigkeit jenseits von Vaterland, Muttersprache oder Geschlecht. "Außer sich" ist der Titel, und dieser erste Roman von Sasha Marianna Salzmann schaffte es auf Anhieb auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis. Sasha Salzmann, geboren 1985 in Moskau, war zehn Jahre alt, als sie mit ihrer Familie nach Deutschland kam. Lore Kleinert stellt das Buch vor.

"Außer sich" von Sasha Salzmann [4:52 Minuten]

Die Longlist 2017

Silke Behl über die Longlist 2017 [4:44 Minuten]

Eingereicht wurden weit über 200 literarische Neuerscheinungen. Die siebenköpfige Jury hat 20 Titel ausgewählt, die im Herbst ins Rennen um den Deutschen Buchpreis gehen.

Eine Menge Lesestoff, wie schafft man das?

Früh aufstehen, so gegen 4 Uhr und die Ruhe am Morgen und an den Wochenenden nutzen. Ansonsten möglichst wenig Ablenkung...

Es geht ja um deutschsprachige Belletristik. Um Romane aus Deutschland, Österreich und aus der Schweiz – lassen sich Trends erkennen, Themen, die mehrere Autoren beschäftigen?

Zunächst einmal ist die Longlist auch der Versuch, die Vielfalt der Themen im sprachlichen und ästhetischen Umgang zu spiegeln. Was aber auffällt: Die Romane von 2017 reagieren schon sehr intensiv auf die Umbrüche der Gegenwart. Das gilt einerseits für die größeren historischen Linien. Wir spüren ja alle die dramatischen Bewegungen: hinsichtlich der Krise in Europa, der globalen Unsicherheit. Die Wertedebatten nehmen zu – die Literatur 2017 greift das auf und stellt immer auch die historischen Kontexte her. Sie erzählt uns vom Herkommen, davon, wie wir wurden, was wir sind. Fromme Lügen, die wir mitgeschleppt haben in den vergangenen Jahrzehnten werden aufgedeckt, und es wird beschrieben, wie sich das Individuum in der sich rasant ändernden Welt positioniert. Wo das gelingt. Viel häufiger aber auch, wie und warum das scheitert.

Silke Behl [Quelle: Radio Bremen, Maria Klindworth]
Silke Behl ist Mitglied der Jury für den Deutschen Buchpreis. [Quelle: Radio Bremen, Maria Klindworth]

Für die großen Linien stehen die Romane von Thomas Lehr, dessen Roman gleich das gesamte vergangene Jahrhundert in den Blick nimmt und der uns an einer ähnlichen Schwelle sieht wie 1914. Auch Robert Menasse hat mit "Die Hauptstadt" einen spannenden Roman über Brüssel und Europa geschrieben. Und Franzobel hat zwar einen 200 Jahre alten Stoff gehoben, ihn aber so verarbeitet, dass wir in ihm auch einen Kommentar aufs Heute sehen können. Er handelt vom Schiffbruch der legendären "Medusa" und zeigt, wie europäische Seeleute und Passagiere ganz schnell sämtliche Werte über Bord gehen lassen, wenn es ums persönliche Überleben in einer Katastrophe geht.

Neben den großen Linien und Veränderungen: Wie sehen denn die Figuren in den Romanen aus, die mit all dem konfrontiert sind?

In vielen Romanen begegnen uns Menschen, die heillos überfordert sind, die Halt suchen, wo keiner mehr ist oder einen neuen Platz im Leben. Und Menschen, die dem Druck von Außen kaum mehr gewachsen sind. Das ist an sich ist nichts Neues. Gute Literatur zeigt ja traditionell, wo die großen Themen ihre Spuren im Privaten hinterlassen. Sie erzählt, was die Umbrüche im Leben der Menschen anrichten. 2017 sieht das so aus: Der ökonomische Optimierungswahn hat das Private mittlerweile erreicht. Alles soll besser, erfolgreicher und möglichst reibungslos funktionieren. Im Gegensatz dazu stehen: Die Auflösung der traditionellen Familie, auch hier das Ende von Gewissheiten. Auffällig viele Romane erzählen von Patchworkfamilien oder von Familien, in denen Kulturen aufeinander treffen. Alles muss neu verhandelt werden. Oft erkennen die Menschen gar nicht mehr, wie Geschichte eingeschrieben ist in ihre Familienbiographien (Krieg, Flucht, Diktatur). Das berührt und schockiert. Und das machen viele Romane sichtbar.

Gab es auch Überraschungen oder Entdeckungen, Autoren, von denen man vorher noch nichts gehört hat?

Ja, der Debütroman "Außer sich" von Sasha Marianna Salzmann war solch eine Überraschung. Darin es geht um die großen Fragen nach "Identität" und "Zugehörigkeit": eine Familie, die Entwurzelung erleidet. Sie kommt aus dem postsowjetischen Moskau in ein deutsches Asylheim. Dann geht es weiter nach Istanbul. Es ist eine Zeitgeschichte, die über mehrere Generationen bis in die Gegenwart reicht, mit vielen Fäden und Schauplätzen. Sasha Salzmann hält all diese Fäden souverän in der Hand, dreht und wendet sie perspektivreich und erzählt bildstark und poetisch.

Es ist das Porträt einer Familie, deren Mitglieder unentrinnbar miteinander verknäult bleiben, in der man sich nichts schenkt. Und in der es bisweilen brutal zugeht, aber nie ohne Zuneigung. Das – würde ich sagen – ist der Ton 2017.

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