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Mangel an Spenderorganen

"Das Herz war mein größtes Glück"

10. Oktober 2017

Mehr als 10.000 Menschen in Deutschland warten aktuell auf eine Organspende. Und die Zahl der Organspender ging in den vergangenen Jahren stetig zurück. Über diesen Mangel an Spenderorganen und das Deutsche Transplantationsgesetz beraten jetzt Experten in München. Unser Reporter Jens Otto hat einen Bremer getroffen, der schon seit 27 Jahren mit einem Spenderherzen lebt. Für Hans-Joachim Neubert hat mit Anfang 40 noch mal ein neues Leben begonnen.

Nierentransplanatation im Klinikum Bremen-Mitte. [Quelle: Imago, EPD]

"Ich hatte eine Herzmuskelentzündung, und das Herz wird dann richtig schlapp wie ein altes Gummiband. Und daraufhin musste ich ein neues Herz haben", erinnert sich Neubert. Er ist 43 Jahre alt, als er sich plötzlich nicht mehr auf sein eigenes Herz verlassen kann. Innerhalb von fünf Monaten braucht er ein Spenderorgan, sonst ist sein Leben vorbei.

Warten und hoffen auf ein Spenderherz

Er kommt ins Krankenhaus, liegt erst in Bremen, dann in Hannover – und die ganze Zeit dieses Warten. "Es war sehr schwer, weil zwischendurch auch noch zwei Leute leider verstorben sind, die auch auf ein neues Organ warteten. Und jeden Tag ging es mir zum Teil schlechter, mal wieder besser. Es ist sehr schwierig gewesen, da zu warten und zu hoffen, dass bald ein neues Herz kommt", erzählt der heute 69-Jährige.

Dann, am 19. Mai 1990, die Nachricht: "Wir haben ein Herz für Sie." Bei Hans-Joachim Neubert herrscht zu diesem Zeitpunkt vor allem Aufregung: "Was ist nun, was passiert nun, wie funktioniert jetzt genau die Operation und so etwas, was kriegst du mit, wie ist das?“ Diese Fragen schwirrten ihm wie wild durch den Kopf.

Arzt prognostizierte acht bis zehn Jahre mit neuem Herz

Bei der Operation geht alles gut. Am Tag danach beginnt für Hans-Joachim Neubert sein zweites Leben – erst mal ganz geruhsam. "Am nächsten Tag bin ich aufgewacht mit verklebtem Mund und habe festgestellt: Es hat funktioniert. Ich lebe noch. Ja! Das war ein ganz verrückter Moment. Die Schwester hat gemerkt, dass ich wach wurde. Die hat mir noch den Kopf zurechtgerückt", sagt der Bremer, "und dann war ich wieder froh und bin wieder ein Weilchen eingeschlafen, weil ich merkte, es hat alles geklappt, du bist zufrieden, es ist wunderbar.“

Porträt von einem älteren Mann. [Quelle: Radio Bremen, Jens Otto]
Radfahren: Das war für Hans-Joachim Neubert vor der Organtransplantation undenkbar. Das Spenderherz hat ihm ein zweites Leben geschenkt. [Quelle: Radio Bremen, Jens Otto]

Dass es allzu lange so bleiben wird, glaubte der zuständige Arzt allerdings nicht: Acht bis zehn Jahre soll er dem damals 43-Jährigen prognostiziert haben. Dabei soll der Mediziner noch gesagt haben, er habe ein "gutes Herz" bekommen. Es muss hervorragend sein. "Ich lebe schließlich immer noch 26 Jahre später", meint Neubert.

Identität des Spenders nicht bekannt

Von wem dieses gute Herz stammt, hat Neubert allerdings nie erfahren. "Lieber nicht", sagt der Bremer, "ich weiß nicht, was für ein Mensch das ist. Auch wenn ich vielleicht jetzt die Familie kennenlernen würde. Tja, man weiß es nicht. Besser so, dass ich es nicht weiß."

Heute muss Neubert natürlich auf seinen geschwächten Körper achtgeben, aber er will sich davon so wenig wie möglich einschränken lassen. "Ich lebe ganz normal, wie andere Leute auch. Bin zwar im Augenblick nicht mehr so belastbar, aber im großen Ganzen lebe ich wunderbar. Mache Reisen, bin viel unterwegs. Ich fühle mich wohl."

Neubert klärt über Organspende auf

Einen großen Teil seiner Kraft investiert Neubert darin, andere Menschen über Organspenden aufzuklären. Er ist oft in Schulen oder auf Messen und berichtet von seinem Schicksal. "Viele machen sich ja überhaupt noch keine Gedanken. In Deutschland ist das so, der Tod, der wird nicht besprochen. Das wird beiseite geschoben", erzählt der 69-Jährige. Mit dem Tod wollten die Menschen in Deutschland nichts zu tun haben. Und folglich sei die Organspende auch kein Thema. "Leider", meint Neubert, "besser wäre es, wenn man früher richtig aufgeklärt wäre.“

Mehr Wissen über Organspenden könnte zu einer höheren Spendenbereitschaft beitragen, wovon wiederum todkranke Menschen profitieren, die dann eventuell eine Geschichte wie Hans-Joachim Neubert erleben – eine Geschichte mit Happy End. "Das war das größte Glück, das ich hatte. Im Lotto habe ich noch nicht gewonnen, aber das Herz habe ich gekriegt. Das ist mein größtes Glück."

Die Reportage zum Anhören:
Hans-Joachim Neubert "Zweites Leben" [2:47 Minuten]

Transplantationsgesetz mit "Leben" füllen

Nicht einmal 900 Menschen haben 2016 nach ihrem Tod zum Beispiel Herz, Niere oder Leber an schwer kranke Patienten gespendet. Ihnen gegenüber stehen 10.000 Patienten auf Wartelisten, die auf ein Spenderorgan warten. "Kaum jemand befasst sich gerne mit seinem eigenen Tod", sagt Dr. Axel Rahmel, Medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation. Umfragen hätten ergeben, dass 70 Prozent der Befragten bereit sind, Organe zu spenden. Die Schlüsselrolle, so Rahmel, haben die Krankenhäuser.

Ein erster Schritt sei mit der Einführung der Transplantationbeauftragten getan. Dieser Beauftragte müsse für seine Arbeit freigestellt, geschult und wertgeschätzt werden, fordert der Herzchirurg. "Allerdings reicht es nicht nur aus ein Gesetz zu schreiben – es muss auch mit Leben gefüllt werden."

Transplantationsgesetz mit "Leben" füllen [5:12 Minuten]

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 10. Oktober, 7:35 Uhr.

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