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Obdachlose in Bremen

"Alles aus den Fugen geglitten"

11. September 2017

Heute ist der Tag der Wohnungslosen. Ein Anlass, um sich einmal mit dem Schicksal der Menschen zu beschäftigen, die auf der Straße leben. Wie viele Obdachlose in Bremen leben, ist unklar. Um die 500 sollen es sein. Einer von ihnen ist Peter True. Reporterin Ramona Schlee hat ihn getroffen und einen Tag lang begleitet.

Ein Mann sitzt auf einer Bank und dreht sich eine Zigarette [Quelle: Radio Bremen]
Obdachlosen-Alltag: Parkbank, Selbstgedrehte, Pfandflaschensammeln...

Sie sind die sichtbaren Beweise dafür, dass in unserer Gesellschaft etwas nicht stimmt: Obdachlose. Begegnet man ihnen auf der Straße, während sie abgerissen in Mülleimern nach Pfandflaschen suchen, schaut man oft genug weg. Und geht vorbei. Wohnungslose gibt es immer zahlreicher, auch in Bremen. Immer häufiger übernachten Menschen in Obdachlosenheimen. Immer mehr schlafen aber auch auf der Straße.

Politik diskutiert über Wohnungslose

Peter True streift im blauen Wollmantel, in Bluejeans und schwarzen Lederschuhen durch die Lloydpassage. Die Kleidung ist ordentlich und sauber, darauf legt der 61-Jährige wert.

Im Menschengetümmel der Bremer Innenstadt würde Peter True nicht weiter auffallen, wenn er nicht immer wieder in die Mülleimer schauen würde. Das verrät seine Armut. Er sucht Pfandflaschen: "Montag und Dienstag sind die schlechten Tage. Und dann hat das ja was zu tun mit Fußball." Wenn Werder spiele, kriege er 20 oder 30 Euro zusammen. Das reiche für vier Tage für Essen und so weiter. "Ich hab ja auch ab und zu mal Lust auf 'ne Bratwurst."

Die bremische Stadtbürgerschaft will die Situation von Wohnungslosen verbessern. Wieviele Obdachlose in Bremen leben, ist unklar. Um die 500 sollen es sein. Reporterin Ramona Schlee hat einen von ihnen portraitiert.

Autor/-in: Ramona Schlee
Länge: 3:26 Minuten
Datum: Dienstag, 4. April 2017
Sendereihe: Online | Radio Bremen

Seit 16 Jahren lebt Peter True in Bremen fast durchgängig auf der Straße. Das hat Spuren hinterlassen. Sein Gesicht hat viele Falten und Fältchen. Wenn er spricht, kommen nur die zwei unteren Eckzähne zum Vorschein. Die Hände sind schwielig, die Finger haben braune Flecken – vom Tabakdrehen und Rauchen. Wenn Peter True aus seinem Leben berichtet, merkt man, wie viele Krisen es da gegeben haben muss. Seine Kindheit war geprägt vom gewalttätigen Vater, der die Mutter fast totgeprügelt habe. Dann gab es einen Autounfall als junger Mann – deswegen habe er nicht studieren können. Stattdessen wurde er Werkzeugmacher. Dann – da war er Anfang 40 – verlässt ihn seine Frau samt Sohn. "Ich bin nicht klargekommen. Ich bin dann Taxi gefahren. Schwarz. Es ist mir alles aus den Fugen geglitten. Sohnemann weg, sie weg – wofür soll ich noch arbeiten?"

Dann hat der Alkohol den Rest gebracht.

Peter True, Obdachloser

Auch jetzt steckt in seiner Mantel-Innentasche eine Dose Pilsator. Das ist das billigste Bier, sagt er. Was anderes trinke er nicht. Immer wieder zieht er die Dose heraus, nimmt einen Schluck und versteckt sie dann wieder in der Innentasche. Er will nicht von den Security-Leuten oder der Polizei deswegen angesprochen werden, sagt er. Die hätten Obdachlose eh auf dem Kieker. Er fühle sich deswegen nicht mal mehr als Mensch zweiter Klasse: "Nee, dritter, eine Nummer tiefer. Ob das nun am Wall ist oder am Elefanten am Bürgerpark. Ich brauch' da nur zu sitzen, 'ne Zeitung zu lesen, hab meine Dose Bier daneben stehen und schon werde ich angequatscht von der Polizei. Obwohl die wissen, dass ich nichts getan habe."

Der Wunsch nach ein bisschen "Normalität"

Der Ton ist rau auf der Straße – auch zwischen den Obdachlosen. Es gebe verschiedene Gruppen: die harten Trinker, die Rumänen, die Unberechenbaren. Vertrauen gebe es kaum. "Und man wird ja selber böse dabei, und man wird auch hart. Man wird gegenüber anderen auch respektlos. Respektlos in dem Sinne, dass man sich nichts mehr gefallen lässt."

Ein Mann raucht [Quelle: Radio Bremen]
Peter True wünscht sich sehnlich eine kleine Wohnung, um wieder "Normalität" erleben zu können.

Wenn Peter True atmet, hört man deutlich ein Rasseln. Eine Bronchitis hat ihn vor einigen Wochen erwischt. Drei Tage sei er von seinem Lager nicht aufgestanden. Er zeigt seine Schlafstelle: ein zugiger Tunnel am Wall. Den würde er sofort eintauschen gegen eine Wohnung. Ein Zimmer, Küche, Bad – mehr brauche er nicht. Aber: Er findet keine Wohnung und die Sozialbehörde mache alles zu kompliziert. Dabei ist doch alles, was er will, ein bisschen Ruhe. "Dass ich diesen Krawall, diese Anfeindungen nicht mehr erleben muss. Dass ich meine Zeitung auch mal in Ruhe lesen kann, dass ich 'n Buch lesen kann, dass ich Radio hören kann und wenn es sein muss Fernsehen glotzen kann. So einfach ist das, draußen kannste das nicht."

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Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 11. September 2017, 6:45 Uhr

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