Livestream

Bremen Zwei Themen

Jetzt neu: butenunbinnen.de, alles wichtige aus der Region

Deutscher Hebammentag

Ein Beruf ohne Zukunft?

5. Mai 2017

Wer in Deutschland als Hebamme arbeitet, braucht starke Nerven und vor allem große Genügsamkeit: Wochenenden und Feiertage gibt es nicht, ebenso wenig wie feste Arbeitszeiten. Hebammen sind Tag und Nacht in Rufbereitschaft – unbezahlt – und nicht selten sind sie die emotionalen Seelsorger für Frauen, die sonst niemanden haben. Der Hebammen-Nachwuchs fehlt, vor allem in ländlichen Regionen. Was das für Betroffene bedeutet, hat sich Reporterin Stephanie Giese im Landkreis Rotenburg angesehen.

Eine Hebamme untersucht den Bauch einer werdenden Mutter. [Quelle: DPA, Thorsten Helmerichs]
Hebammen sind wichtig, aber es gibt zu wenige. [Quelle: DPA, Thorsten Helmerichs]

Was eine Hebamme leistet, schafft kein Arzt. Das weiß Christiane Klock seit ihrer ersten Schwangerschaft vor einigen Jahren. Sie ist damals noch voll berufstätig, arbeitet als Krisenmanagerin in Familien. An einem Freitagabend passiert etwas Schreckliches: Ein Mädel rastet aus und tritt ihr in den Bauch. Zu ihrem Gynäkologen konnte sie nicht – die Praxis war zu.

Da hab' ich erfahren, wie toll das ist, dass es diese Rufbereitschaft gibt. Wirklich ad hoc da zu sein, das loszuwerden, zu heulen, aufgefangen zu werden, das ist was ganz Entscheidendes. Klar, ich hätte auch ins Krankenhaus gekonnt, aber gerade diese Betreuung, weil man erstmal völlig fertig ist – lebt mein Kind noch? Geht´s dem gut? – da kann ich nicht in der Notaufnahme drei Stunden sitzen.

Weniger Lohn als eine Putzkraft

Ihre Hebamme, Antje Jäger, kommt sofort, bleibt viele Stunden, bis es Christiane Klock besser geht, auch am darauf folgenden Wochenende. Finanziell lohnt sich das für Hebammen damals wie heute nicht: 17,63 Euro brutto bekommen sie an Wochenenden mit allen Zuschlägen pro halbe Stunde. Bleiben sie zu lange, müssen sie das gegenüber der Krankenkasse detailliert rechtfertigen.

Rechnet Antje Jäger ihre monatlichen Fixkosten von 3.000 Euro für die Praxis und die teure Haftpflichtversicherung dagegen, bleiben ihr knapp 8 Euro Stundenlohn. Das ist weniger als der Mindestlohn einer Reinigungskraft. Warum sie so schlecht bezahlt wird, erklärt sich die Hebamme Antje Jäger ganz einfach:

Weil das ein alter Frauenberuf ist – alle alten Frauenberufe werden schlecht bezahlt. Alles rund um Familie, Erzieherinnen, egal was. Die Frage ist ja immer, wo die Bedeutung liegt, die die Gesellschaft auf diese Arbeit legt.

Mehr Arbeit für gleichen Lohn

Ihre Kollegin Astrid Steinberg ergänzt: "Dann kommt aber von uns Frauen: Wir "machen das dann“. Da ist eine Lücke, da ist ein Notstand, dann machen wir das einfach, das ist schon immer so gewesen, und keine von uns hat bei so einem Zeitaufwand auch noch Kraft, zu sagen: "Ich möchte besser bezahlt werden". Und die Arbeit wird mehr, bei gleichem Lohn, die Belastung ist größer, es geraten unglaublich viele Kolleginnen ins Burnout, und ich muss dann mal überlegen, was mute ich meiner Familie da überhaupt zu."

Jede Schwangere hat ein Recht auf Hebammenbetreuung. Die Hebamme ist zuständig für alles, was die Gesundheit von Mutter und Kind betrifft – während der Schwangerschaft und danach. Das wird immer anspruchsvoller, weil die Frauen immer früher aus dem Krankenhaus kommen, sagt Antje Jäger:

Wobei die Wochenbettbesuche eine Pauschalleistung ist, egal, wie lange wir da sind. Und durch die Frühentlassung aus den Kliniken sind wir dann noch häufiger oder länger bei den Frauen, und dadurch rechnet sich das nicht mehr.

Gespräch mit Martina Klenk; Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes:

Stellen Sie sich mal vor, Ihre Arbeitswoche erstreckt sich über 7 Tage – inklusive 24 Stunden Rufbereitschaft. Sie haben eine exzellente medizinische Ausbildung und sind nicht selten auch noch Seelsorger und Familienhelfer in einer Person. Sie verdienen aber weniger, als wenn Sie Büros putzen würden. Und als Dank dafür, müssen Sie auch noch hohe Beiträge an Ihre Haftpflichtversicherung bezahlen, denn wenn Sie einen Fehler machen, könnte das einen, vielleicht sogar zwei Menschen das Leben kosten. Klingt nicht sexy? Man nennt das Hebamme. Kein Wunder, dass immer weniger Menschen diesen Beruf ergreifen wollen. Wie man das ändern könnte, darüber spreche ich heute, am Internationalen Tag der Hebammen mit der Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes, Martina Klenk.

Autor/-in: Anja Goerz
Länge: 4:55 Minuten
Datum: Freitag, 5. Mai 2017
Sendereihe: Online | Radio Bremen

Kein Traumberuf

Es sei ein Unterschied, ob eine Frau am 10. Tag nach Hause geht und alles gut ist, oder ob die am 3. Tag mit Milcheinschuss nach Hause geht, der Nabel noch dran ist und die Hormone verrücktspielen.

Viele junge Frauen entscheiden sich deshalb heute von vornherein gegen diesen Beruf: Zu viel Verantwortung, zu viel Arbeit, zu wenig Geld. Das Ergebnis sieht nicht nur der Rotenburger Kreisverband der Hebammen mit Sorge, sagt die Vorsitzende Birgit Große:

Wir kriegen fast täglich Anrufe von Frauen, die in ländlichen Gebieten leben, dann ist das manchmal wirklich schwierig, eine Hebamme zu finden. Und das ist für manche Regionen hier im ländlichen echt eine Katastrophe.

Dieses Thema im Programm: Nordwestradio, 5. Mai 2017, 7:35 Uhr

Bremen Zwei
Info & Service
Themen-Archiv