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Nordwestradio-Diskussion

Was wird aus dem Windkraftstandort Bremerhaven?

15. Juni 2017

Stürmische Zeiten für die Windkraftbranche in Bremerhaven – da wird in nächster Zeit so einiges hinweggefegt: Keine Flügel mehr von der Senvion-Tochter Powerblades, höchstwahrscheinlich kein Turbinen-Neubau mehr bei der Siemens-Tochter Adwen. Fundamente von Weserwind sind schon seit zwei Jahren nicht mehr zu sehen, die Firma ist pleite. Von mehr als 1.800 Menschen bangen viele um ihren Job oder haben ihn bereits verloren. Ist er vorbei, der Traum vom Windkraftstandort Bremerhaven? Das war das Thema bei Nordwestradio Unterwegs im Bremerhavener Fischereihafen.

Kemal Piskin, Immo von Fallois, Alan-Thomas Bruce, Moderator Stefan Pulß, Dirk Briese, Nils Schnorrenberger, Andreas Wellbrock [Quelle: Radio Bremen]
Die Diskussionsrunde bei "Nordwestradio unterwegs" live aus dem Fischereihafen Bremerhaven

Senvion-Sprecher Immo von Fallois gibt sich optimistisch. Bremerhaven bleibt wichtigster Senvion-Standort in Nordeuropa. Auch wenn Rotorblätter in Portugal billiger zu bauen sind und diese Jobs in Bremerhaven erstmal weg sind: Das Geschäft brummt, es sollen irgendwann wieder neue hinzukommen:

Gestern ein Großauftrag aus Australien, wir haben heute ein Auftrag aus Italien bekommen. Wir haben eine Kooperation mit EnBW in Baden-Württemberg geschlossen. Also wir sind auf dem Weg, wieder ein wirklich profitabler, großer Windkonzern zu sein.

Immo von Fallois

Firmensitz von Senvion in Bremerhaven [Quelle: Radio Bremen]
Bremerhaven bleibe wichtigster Senvion-Standort in Europa, sagte Senvion-sprecher Immo von Fallois.

Das ist im Interesse des US-Investors Centerbridge, der mit Senvion Geld verdienen will. Ein Konzern, der den Weg durchs Tal meistern möchte, um am Ende noch dazuzugehören. Immo von Fallois meint, nach der Durststrecke, für die er auch die Politik verantwortlich macht, bleiben nur wenige Unternehmen übrig. Mit dem Betriebsratschef seiner Rotorblattfirma legt sich der Senvion-Sprecher nicht wirklich an, auch wenn der einmal kurz deutlich wird:

Bisher wurde jahrelang alles dafür getan, dass wir mittlerweile eigentlich mit Stolz sagen konnten, dass wir Championsleague sind, im Bereich Windenergie. Und jetzt wird das systematisch abgebaut, weil der Eigentümer beziehungsweise unser Arbeitgeber letztendlich seine Profite halten und steigern möchte. Und ich möchte nochmal ganz deutlich betonen: Senvion hat auch eine Verantwortung für alle Mitarbeiter.

Alan-Thomas Bruce

Keine Windkraft-Mitarbeiter im Publikum

Die große Überraschung des Abends allerdings: Von den Mitarbeitern, die Alan-Thomas Bruce hier meint, ist niemand da. Auch von den Adwen-Beschäftigen ist offenbar keiner unter den Zuhörern. Die, die gekommen sind, wundern sich.

Mein Fazit ist, dass hier 300 Leute hätten sein müssen, die ihren Arbeitsplatz verlieren. Das ist beschämend. Ich denke, das sind die ersten, die gehen. Die haben sich doch alle nichts getraut, der Gewerkschaftsmensch traut sich nicht, der Betriebsrat traut sich nicht. Denken alle, ich bin der nächste, der in den Arsch getreten wird. Das ist sehr traurig.

Internationaler Markt für Windkraftanlagen

Immerhin bekommt der IG-Metall-Vertreter das Schlusswort, er teilt den Optimismus, dass es mit der Windkraftindustrie in Bremerhaven irgendwann wieder aufwärts gehen kann. Übrigens mit oder ohne neuen Schwerlasthafen, meint Dirk Briese vom Forschungsinstitut Windresearch. Aus seiner Sicht ist dessen Bau eine große Investition zu Zeiten starker Ungewissheit in Nordeuropa, aber sicher notwendig, um es ansässigen Turbinenherstellern wie Senvion zu ermöglichen, die Logistikkosten zu senken. Bremerhavens Wirtschaftsförderer Nils Schnorrenberger sagt, der internationale Markt stehe noch ganz am Anfang.

Wir sehen jetzt, es kommen Delegationen. Gerade war eine Delegation aus Taiwan hier, die haben ein Ausbauziel von drei Gigawattt, 3.000 Megawatt. Dafür baut man auf dieser Insel keine Produktionsstätte auf. Und wenn es zukünftig nicht nur feste Fundamente geben wird, sondern auch schwimmende, haben wir das tiefe Wasser als Markt, dann reden wir über ganz andere Markt-Volumina. Das dauert natürlich noch ein bisschen.

Nils Schnorrenberger

Positive Grundstimmung

Immer wieder fällt das Wort Konsolidierung. Im Moment gibt es mehr Produktionsmöglichkeiten als Bedarf, doch das schrumpfe sich zurecht, so Andreas Wellbrock vom Branchenverband WAB. Ein paar engagierte Zuhörer, Ingenieure in Rente, freuen sich über die positive Grundstimmung der Debatte und verlangen mehr.

Die Offshore-Industrie und die Onshore-Industrie haben weltweit für die nächsten Jahrhunderte die besten Voraussetzungen, immer Ursprungskräfte zu haben, nämlich Wind. // Im Ausschreibungsverfahren 3 Cent pro Kilowattstunde, so günstig kann kein anderer Strom produzieren. Wenn das eine Zukunft sein soll, dann muss das offensiv vertreten werden... Die haben das ja als großes Ding da hin geschrieben: Erfolg Energiewende. Das ist doch blamabel, fast, was da ein Erfolg sein soll.

Man habe wohl den Überblick verloren, so dieser Besucher weiter. Um den Erfolg hinzubekommen, müssten ein zügiger Netzausbau her und mehr neue Windkraftanlagen. Möglichst made in Bremerhaven.

Diskussion über Windkraftstandort Bremerhaven [3:48 Minuten] Mitschnitt der Diskussion [38:35 Minuten]

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