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Biennale Venedig

Offenheit in Zeiten auflebenden Nationalismus

15. Mai 2017, 8:10 Uhr

Als "settimana santa" – heilige Woche" bezeichnen Kenner die Biennale in Venedig. Auf keinen Fall dürfe man die wohl größte und wichtigste internationale Kunstausstellung verpassen. In Zeiten des auflebenden Nationalismus zeigten sich die teilnehmenden Länder dieses Jahr offen, erzählt Nordwestradio-Reporterin Christine Gorny.

Holzmasken stecken auf Stangen und stehen dicht gedrängt nebeneinander. [Quelle: Radio Bremen, Christine Gorny-Hansen]
Chile arbeitet mit seiner Installation die Geschichte seiner Ureinwohner auf. [Quelle: Radio Bremen, Christine Gorny-Hansen]

Das ganze Gespräch zum Nachhören::
Christine Gorny von der Biennale in Venedig [5:15 Minuten]

Der Andrang bei der Biennale ist groß. Doch die Bewohner der Hauptspielorte Giardini und Arsenale sehen das nüchterner und beobachten amüsiert, wie die Kulturschickeria in den traditionellen Arbeiterstadtteil einfällt, so Gorny. Werftarbeiter und Fischer lebten dort früher. Während der Biennale verändere sich das Bild: Taxiboote lauerten wie Krokodile am Ufer.

"Praktisch und plakativ"

Das Leitmotiv der diesjährigen Biennale heißt "Viva Arte Viva". Dieses Wortspiel bedeute so viel wie "Hoch lebe die lebende Kunst!", so Gorny weiter.

Und tatsächlich präsentiert sich diese Biennale sehr lebendig, zeitgemäß, und doch kunstzentriert, oftmals als "work in progress".

Im Hauptpavillon auf den Giardini organisiere der dänische Künstler Olafur Eliasson einen artistic workshop mit Flüchtlingen, die unter Anleitung venezianischer Kunststudenten filigrane Lampen aus Holzleisten bauen. Im Arsenale könne man bei einer Installation des taiwanesischen Künstlers Lee Mingwei, die aus Garnrollen und Kleidung besteht, auch seine eigene Kleidung ausbessern lassen. Das Motto werder oft "sehr praktisch, manchmal plakativ umgesetzt".

Musiker aus allen Nationen

In jeweils eigenen Länderpavillions zeigen die Nationen ihren Kunst. Wer keinen Pavillon hat, präsentiert sich auf dem Arsenale-Geländer oder in einem Palazzo in der Stadt. In Zeiten des auflebenden Nationalismus gehen die Teilnehmer offen mit diesem Format der Länderausstellungen um, sagt. Gorny.

Frankreich habe seinen Pavillon zum Beispiel zum internationalen Konzertsaal umfunktioniert: mit Flügel, Cembalo, Mischpult. Und dieser biete Musikern aus allen Nationen Gelegenheit zum Konzert. "Ich selbst habe bel canto-Gesang mit Klavierbegleitung gehört."

Andere Nationen arbeiteten ihre kolonialistische Vergangenheit künstlerisch auf. "Wie Chile mit einer Installation von 1.500 Holzmasken der Mapuche-Indianer und einem LED-Schriftband an der Wand dahinter, das die Namen der knapp 7.000 verbliebenen Ureinwohner einspielt."

Goldener Löwe für deutschen Pavillon

Den deutschen Pavillon hat die Frankfurter Künstlerin Anne Imhoff gestaltet. Er wurde mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. "Beeindruckend" sei der Pavillon, sagt Gorny, obwohl sie wegen des großen Andrangs "nur Fragmente mitbekommen" habe.

Ursprünglich ja ein Nazi-Bau, wirkt er jetzt wie entkernt, nüchtern nackt und leer, ein hoher Raum mit weißen hohen Wänden.
Eine Frau und ein Man stehen jeweils auf einer Glasplatte die hoch oben unter dem Dach eines weißen Gebäudes montiert ist.  [Quelle: Radio Bremen, Christine Gorny-Hansen]
Der deutsche Pavillion wurde mit dem Goldenen Löwen ausgzeichnet. [Quelle: Radio Bremen, Christine Gorny-Hansen]

Junge Menschen, hauptsächlich in schwarz gekleidet oder auch mal barbusig, stehen auf Glasbrettchen. Irgendwann setzen sie sich in Bewegung zu dröhnenden Trommelklängen, laufen aufeinander zu. Die Performance dauert fünf Stunden.

Palazzi in der gesamten Stadt werden bespielt

Die südkoreanische Künstlerin Hongjung Park aus New York hat in einer kleinen Ecke im Palazzo Bembo, nahe der Rialtobrücke, ihre Installation aufgebaut: Hunderte kleine medizinische Glas-Ampullen, die an dünnen Fäden baumeln, so dass die Medikamente einen transparenten Vorhang bilden, hinter dem Bilder von Krieg und Flucht an die Wand projiziert werden. Die Künstlerin hofft, dass sie im Zuge der Biennale, die noch bis Ende November dauert, umziehen kann aufs Arsenalegelände. Bis dahin muss sie aber in ihrer kleinen Ecke im Palazzo die große Welt kurieren.

Erwähnen sollte man vielleicht auch, dass ja nicht nur Biennale-Teilnehmer während dieser Zeit in Venedig ausstellen, sondern auch andere Künstler versuchen, die Aufmerksamkeit der kulturinteressierten Öffentlichkeit auf sich zu ziehen. Vor allem junge Talente hoffen darauf. Wie etwa die Deutsch-Marokkanerin Btihal Remli, die in der tiefgläubigen Heimat ihrer Eltern Menschen während des Ramadan fotografiert hat und in dem kleinen Galeriaraum "Spazio" nahe dem Markusplatz untergekommen ist.

Viel Nähe zu Künstlern

Kunstexpertein Christine Gorny hat einen positiven Eindruck von der diesjährigen Biennale in Venedig. Selten habe sie so viel Dialog und Nähe zu den Künstlern erlebt. "Und nachdem der erste Ansturm der Kunstszene nun vorbei ist, haben Besucher bis November genug Platz, um die zeitgenössische Kunst entspannt in Venedig zu entdecken."

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