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Architektur

Bauen am Wasser

Der neue Stadtteil Aarhus Ö

29. September 2017

Wohnen am Wasser ist schick – und deshalb werden gerade überall auf der Welt ehemalige Industriehäfen zu Wohngebieten umgebaut. Hamburg hat seine Hafencity, Bremen seine Überseestadt – und das dänische Aarhus seinen Stadtteil "Ö". Esther Willbrandt ist für uns dorthin gefahren.

Bauen am Wasser: Der neue Stadtteil Aarhus Ö [Quelle: Radio Bremen, Martina Raake]

Zwischen Stadt und Hafen

Also, wir stehen hier auf Aarhuses erstem Hochhaus aus den 1950er Jahren, wo wir unter anderem ein Geschoss aufgestockt haben, das als Kantine, Seminarraum und ganz oft auch als Vorzeigeraum der Aarhuser Kommune genutzt wird, denn wir sind hier genau zwischen Stadt und Hafen.

Julian Weyer

Bunter Architekturmix

Gemeinsam mit dem Architekten Julian Weyer stehe ich im 11. Stock am 360-Grad Panoramafenster und lasse den Blick über den Hafen schweifen. Container, Lastkräne, Fähranleger, weiter draußen: Segelboote und ganz links von uns Baugerüste und Neubauten. Da beginnt Aarhus Ö, ein Stadtteil, der quasi aus dem Nichts entsteht.

Man hat also jetzt privaten Wohnungsbau. Man hat Mietwohnungsbau. Man hat Sozialwohnungsbau. Man hat sogar Seniorenwohnungen. Man hat Studentenwohnungen, und es ist eine recht bunte Mischung geworden – teils Planung, teils Glück.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass hier, am nördlichen Ende des Hafens, Container verladen wurden.

Es gab eine vierspurige Hafenstraße, eine einspurige abgeschirmte Eisenbahntrasse und dann nochmal zwei LKW-Spuren daneben, und da war das ganze Gerede von Stadt am Wasser und Bezug zum Hafen eigentlich sinnlos.

Markantes Wahrzeichen

Bauen am Wasser: Der neue Stadtteil Aarhus Ö [Quelle: Radio Bremen, Martina Raake]
Der neue Stadtteil Aarhus Ö, backsteinbauten und Eisblerghäuser [Quelle: Radio Bremen, Martina Raake]

Heute liegen zwischen Stadt und Hafen nur noch eine Straßenbahnlinie und eine zweispurige Straße mit Radweg. 20 Minuten laufe ich von Julian Weyers Büro, immer am Bauzaun entlang. Mein erster Eindruck von Aarhus Ö: ziemlich zusammengewürfelt – kastenförmige Backsteinwohnblöcke mit bunten Glasbalkonen, daneben moderne weiße Hochhäuser. Und direkt an der Ostsee steht das Wahrzeichen von Aarhus Ö: Die Eisberghäuser. Spitze weiße Dreiecke, die hoch in den Himmel ragen, transparente türkisblaue Balkone, dreieckige Fenster. Beeindruckend, und zwischen all den Hochhäusern: Parkplätze, Tiefgaragen, kleine Rasenflächen. Und ganz viel Baustelle.

Das liegt daran, dass der Bautakt etwas durcheinander gekommen ist. Und das dauert noch ein paar Jahre, bis wir erst richtig sehen können, wie die Landschaft, die Kanäle, das Wasser, diesen Stadtteil zusammenbinden und ihm auch 'ne Identität geben.

Julian Weyer

Aber im Sonnenschein an der Uferpromenade spazieren, Segelboote gucken, den Möwen zuhören – und trotzdem das Gefühl haben: ich bin mitten in der Stadt. Das ist der Traum von Aarhus Ö. Für mich, jetzt, in diesem Moment, geht er in Erfüllung.

Entspannte Idylle

Direkt neben der Promenade liegen Rasenflächen wie Teppiche vor den Wohnhäusern. Zu jeder Erdgeschosswohnung gehört eine kleine Terrasse mit Blick aufs Wasser. Auf einem selbstgezimmerten Palettensofa sitzt ein junger Mann in der Sonne, vor sich ein aufgeklapptes Notebook, in der Hand eine Tasse Kaffee. Boven ist Start-Up-Unternehmer, seit eineinhalb Jahren wohnt er in Aarhus Ö. Ich bin neidisch: Mein Urlaubsgefühl ist für Boven ganz normaler Alltag.

Schön aber mit Schattenseiten

„Es ist wirklich wunderschön hier, die Aussicht, die Architektur… Das ist das, was du siehst. Was du aber nicht siehst: Wir wachen jeden Morgen um 6 Uhr auf, weil die Bauarbeiter wieder irgendwelche Sachen in den Boden rammen. Es gibt hier auch viel zu wenig Grün. Es ist okay für den Moment, aber für immer will ich hier nicht leben. Und im Winter sieht es zwar toll aus, wenn Schnee auf dem Eisberghaus liegt. Aber wenn es draußen dunkel ist und kalt und nass, dann merkst du erst so richtig, wie weit du von der Innenstadt entfernt bist.“

Das kommt mir bekannt vor – auch die Bremer Überseestadt fühlt sich weiter weg an, als sie tatsächlich ist. Der Architekt Julian Weyer kennt den Stadtteil im ehemaligen Bremer Industriehafen:

Was ich da deutlich sehe, ist, dass da die infrastrukturelle Anbindung an die Stadt einfach noch zu lose ist. Gut, es gibt die Promenade, aber dieses Gefühl davon, dass man nah an der Stadt ist und dass man auch aus der Stadt heraus dorthin möchte, das ist noch nicht entstanden, scheint mir.

Stadtgarten

Gartenkultur im Stadtteil Aarhus Ö [Quelle: Radio Bremen, Martina Raake]

Auf meiner Tour durch Aarhus Ö stoße ich mitten zwischen den Wohnblocks auf bunt bepflanzte Kistenbeete, sogar einen Hühnerstall gibt es hier: Dänemarks größter gemeinschaftlicher Stadtgarten. Am großen Picknicktisch sitzen Jonathan, Maria und Esgar. Sie arbeiten in den umliegenden Büros und haben ihr Kantinenessen mit nach draußen gebracht – und  sie erzählen mir von den Schattenseiten der neuen Vorzeigestadt am Wasser.

"Um aus einem Ort ein Zuhause zu machen, braucht es ein Narrativ. Erinnerungen, die man damit verbindet. Hier entsteht gerade alles am Reißbrett. Die Innenstadt hat sich dagegen über Jahrhunderte entwickelt, deinen Friseurladen gibt’s vielleicht schon seit Generationen – so entsteht natürlich eine ganz andere emotionale Beziehung.“

Ö-Liebhaberin


Zurück in der Innenstadt lerne ich Rine kennen. Die junge Frau lebt mit Mann und Kindern seit vier Jahren in Aarhus Ö. Und sie findet es richtig gut: "Alles verändert sich – wenn wir ein paar Tage verreisen und dann nach Hause kommen, sieht es schon wieder ganz anders aus. Ich mag, dass es Wohnungen für jedermann gibt – und dann natürlich der Blick aufs Wasser! Ich lebe wirklich gerne in Aarhus Ö."

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 30. September, 17:40 Uhr

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