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Auf ein Wort

Wählen können und wählen müssen

Von Stefanie Lübbers

24. September 2017

Heute ist Wahl-Tag! Man darf sich für etwas beziehungsweise jemanden entscheiden – eine Partei und einen Politiker oder eine Politikerin. Es gibt Sachen, die kann man nicht wählen oder die würde man sich auch nicht selber aussuchen, so wie zum Beispiel meine Mutter, die sich gerade den Oberschenkel gebrochen hat und jetzt im Krankenhaus liegt. Da kann man sich noch das Mittagessen aussuchen, aber nicht verschiedene Brotsorten zum Frühstück. Und weil Mama da eigen ist, bringe ich ihr bei meinem Besuch Vollkornbrot mit.   

Nach dem Essen kommt Mama zur Ruhe und erzählt Dönkes aus der Vergangenheit. Wenn es richtig ruhig wird, kommt sie ins Grübeln. Warum war damals einiges in der Familie so schwierig oder ungerecht? Eine Kindheit nach dem Krieg, ein langes arbeitsintensives Leben auf dem Bauernhof mit Kindern und Generationskonflikten – da gab es an vielen Tagen keine Wahl. Manchmal wird es auch sehr emotional, wenn man mit Mama über die Vergangenheit spricht, zum Beispiel auch über den Glauben und darüber, dass ich als Jugendliche mehr selbst entscheiden wollte. In den nächsten Tagen wählt dann die Krankenkasse für Mama die Rehaklinik aus. Sie ist noch unsicher und kann nicht ohne Hilfe aufstehen. Aber die Therapeuten lassen ihr keine Wahl, mobilisieren sie und ermutigen sie, sich etwas zuzutrauen.

Was ich stark an meine Mutter finde? Sie hat ihre Prinzipien: Mamas Programm kann man ganz eindeutig ablesen: Vollkornbrot. Und auch in Krisenzeiten immer was essen – auch im Krankenhaus, wenn sie eigentlich keinen Appetit hat. Sie meckert nicht. Es ärgert sie zwar, dass sie hingefallen und in einer hilfsbedürftigen Situation ist; sie lässt sich aber auch beraten; zum Beispiel von den Therapeuten und von mir und meinen Geschwistern.

Vielleicht wäre Mama auch eine gute Bundeskanzlerin, denke ich mir; sie hat Haltung und ist beratungsoffen, sie macht was und weicht dem Schicksal nicht aus – denke ich, als ihr Freund ins Zimmer kommt. Er hat Post dabei. Unter anderem die Wahlbenachrichtigung, die er unterschrieben wieder mitnehmen möchte, damit Mama Briefwahl machen kann – wobei sie dann schon mal anmerkt, ob sie den nächsten Kanzler oder die nächste Kanzlerin in ihrem Alter überhaupt noch erleben wird. Aber sie wählt ja nicht nur für sich, meint sie.

In ihrem Zimmer wird meine Mutter auch vom Chefarzt, von der jungen Krankenschwester, dem Seelsorger und der Zimmernachbarin mit dem möglicherweise anderen Parteibuch auf die Wahlunterlagen angesprochen. Und wenn man sie fragt wird sie sagen: "Wählen? Muss man,  sowie man auch was essen muss, wenn man krank ist."

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