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Auf ein Wort

Wie Du mir, so ich Dir?

Von Martina Höhns

12. März 2017

Wie Du mir – so ich Dir! Dieses Prinzip hat Hochkonjunktur. Die Lust, Gleiches mit Gleichem zu vergelten: Ein Kollege hat mich böse reingelegt. Bei nächster Gelegenheit werde ich ihm das mit gleicher Münze heimzahlen. Oder die Nachbarin, die nie grüßt. Das nächste Mal übersehe ich sie auch. Und in der Politik scheint der Grundsatz zu gelten: Beschimpfst du mich, beschimpf ich dich. Drohst du mir, dann droh ich dir.

Schon das Alte Testament kennt dieses Prinzip. Dort heißt es "Auge um Auge und Zahn um Zahn". Damals war das in der Tat ein Fortschritt: Statt einer grenzenlosen Blutrache sollte die Vergeltung begrenzt werden. Begrenzt auf den Ausgleich: "Auge um Auge". Vergeltung sollte nicht mehr ins Uferlose gehen. Aber zum Guten hat dieses Prinzip längst nicht immer geführt. Oft setzt es einen Kreislauf in Gang, der den Streit nur weiter eskaliert: Ein Wort gibt das andere, auf eine kleine Bosheit folgt die nächste.

Der russische Schriftsteller Alexander Solschenizyn hat diese Erfahrung in folgendem Satz zusammengefasst: "Du darfst dich nicht zum Selben hinreißen lassen wie deine Peiniger, sonst wirst du wie sie!" Das Neue Testament geht noch einen Schritt weiter. Dort heißt es: "Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem". Das Böse mit dem Guten überwinden: Sich nicht festlegen lassen auf das Prinzip "Wie Du mir – so ich Dir". Weiter darauf hoffen, dass ich die Spirale von Hass und Gewalt unterbrechen kann.

Wenn mein Wunsch nach Vergeltung sich wieder meldet, denke ich an den Clown, von dem der katholische Priester und Schriftsteller Willi Hoffsümmer erzählt: Eines Tages erhält der Clown einen Brief, der voll ist von falschen Behauptungen und schlimmen Beschuldigungen. Seine Freunde raten ihm: "Verklag doch den Absender. Auch ein Clown kann ja nicht immer nur lustig sein". Aber der Clown winkt ab. "Ich möchte das anders regeln": Er schickt den Brief zurück an den Absender und schreibt dazu: "Diesen Brief habe ich bekommen. Ich schicke ihn nun an Sie, damit Sie wissen, dass irgendjemand in ihrem Namen beleidigende Briefe verschickt". Mit freundlichen Grüßen.

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