Livestream

Bremen Eins Serien Auf ein Wort

Jetzt neu: butenunbinnen.de, alles wichtige aus der Region

Auf ein Wort

(M)ein heiliger Ort

Von Stefanie Lübbers

23. Oktober 2016

Vor ein paar Tagen traf ich eine Freundin. Sie erzählte mit ruhigem Gemüt und zufrieden von ein paar Tagen, die sie in einem Kloster verbracht hat, das sie regelmäßig aufsucht. Ihre Erzählung endete mit "Hach, das ist einfach ein heiliger Ort für mich". Ein heiliger Ort für mich. Was ist das für mich oder besser gefragt: Wo kann das für mich sein?

Mir fällt dazu die Szene im Alten Testament ein, in der der Prophet Mose an einen heiligen Ort kommt. Auf dem Gottesberg Horeb ereignet sich für Mose eine erstaunliche Begegnung. Der Engel des Herrn erscheint laut dem biblischen Bericht in einer Flamme, die aus einem Dornbusch schlägt. Mose nähert sich den Flammen und hört eine Stimme, die ihn ruft. Mose antwortet und die Stimme sagt: Mose, komm nicht näher heran. Lege deine Schuhe ab. Der Ort, wo du stehst ist heiliger Boden.

Wenn Menschen für sie heilige Orte suchen oder aufsuchen, erwarten sienicht, dass sich eins zu eins so eine Geschichte wie bei Mose abspielt. Sie erwarten auch nicht, Gott in einem physischen Phänomen zu sehen. In der Begegnung mit Mose zeigt Gott auch eine Grenze auf: Komm nicht näher heran. Es bleibt immer eine Handbreit Platz zwischen Gott und dem Menschen – und dennoch sind sie sich sehr nah. Mose soll in dieser Szene seine Schuhe ausziehen. Eine Interpretation: Der Boden ist heilig, nur mit Ehrfurcht zu betreten, nur mit sauberen Füßen, nicht mit dreckigen Schuhen. Eine andere Interpretation: Gott sagt zu dir: Immer da, wo du stehst, ist heiliger Boden. Zieh deine Schuhe aus und komme mit dir selbst in Kontakt und mit dem, was dich umgibt und was dich beschäftigt. Heiliger Boden ist überall dort, wo du dich darauf einlassen kannst.

Im "Hach" meiner Freundin, die aus dem Kloster, aus ihrem heiligen Boden, zurückgekehrt ist, schwingt neben der Zufriedenheit auch ein leises Seufzen mit – dies ist verbunden mit der Frage: was nehme ich mit aus der Zeit am heiligen Ort? Wie kann ich das für meinen Alltag wirksam machen? Was bleibt davon und was trägt mich, wenn ich die Schuhe wieder anziehe?

Ich meine, das ist eine wichtige Frage: So eine Unterbrechung, ein Aufenthalt im Kloster zum Beispiel, oder Ähnliches, kann nicht nur eine Alltagsflucht sein. Ich muss mich auf Veränderung einlassen. Schau selbst, was du von einer besonderen Zeit mitnehmen kannst. Heiliger Boden kann überall entstehen: wenn Menschen voreinander ihre Schuhe ausziehen und sich echt nahekommen, wenn sie ihre Maske abnehmen und ehrlich zueinander sind, ohne sich gegenseitig zu verletzen, und wenn immer eine Handbreit Respekt und Achtung zwischen ihnen bleibt.

Auf ein Wort
Mehr zur Beitragsreihe "Auf ein Wort"