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Auf ein Wort

Erfolg

Von Dechant Bernd Kösling

15. Oktober 2017

Alte, verwitterte Steine. Die Inschrift kaum noch lesbar. Zuweilen habe ich die Zeit, nach einer Beerdigung noch über den Friedhof zu schlendern. Und dann entdecke ich solche alten Grabsteine. Manchmal kann ich sogar noch den Namen entziffern. Wer mag diese Person wohl gewesen sein? Welche Träume und Ziele haben ihr Leben bestimmt? War sie ein erfolgreicher Mensch? Welche Spuren mag der Verstorbene hinterlassen haben?

Und dann muss ich manchmal an einen meiner Lehrer denken. Es war Lehrermangel und die jungen Referendare und Referendarinnen mussten den normalen Unterricht übernehmen, obwohl sie noch gar nicht fertig ausgebildet waren. Ich erinnere mich an den Französischunterricht in der achten Klasse. Ein junger Referendar musste einspringen. Wir waren alle im berühmten schwierigen Alter. Er bekam uns überhaupt nicht in den Griff. Der arme Kerl. In dem halben Jahr habe ich kaum etwas gelernt.

Eines Tages brachte er eine Schallplatte mit französischen Chansons mit. Die Melodie eines der Lieder habe ich mein Leben lang nicht vergessen. Seit dieser Zeit ist sie in meinem Herzen lebendig und hat mich in vielen guten, aber auch schweren Stunden begleitet. Dank der Suchmaschinen im Internet habe ich das Lied nun auch endlich gefunden. Und habe nun auch den Text zur Melodie.

Tja, war mein Französisch–Lehrer erfolgreich? Im Französisch vielleicht nicht. Aber er hat mir mit diesem Lied etwas unendlich Wertvolles für mein Leben geschenkt. Ich glaube nicht, dass er das weiß. Ich weiß auch nicht, was aus ihm geworden ist. Ich hoffe aber und wünsche ihm, dass er trotz allem ein guter Lehrer geworden ist, dem sein Beruf Freude bereitet.

Die verwitterten Namen auf den alten Grabsteinen. Ich bin davon überzeugt, dass auch diese Menschen wertvolle Spuren in den Leben ihrer Mitmenschen hinterlassen haben. Und ich wünsche mir, dass es auch gute Spuren gibt, die ich dem Leben anderer Menschen schenken konnte. Aber warum alles dem Zufall überlassen? Christus hat mich gelehrt, den Nächsten zu lieben, wie mich selbst. Es ist gar nicht so schwer, mich darum zu bemühen. Ich weiß, auch mein Name ist eines Tages auf einem alten verwitterten Grabstein zu lesen. Und wenn es nur die Melodie eines Liedes ist, die ich anderen geben konnte.

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