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Album der Woche

Jack Johnson "All The Light Above It Too"

8. September 2017

Der Hawaiianer Jack Johnson hat sich vom begeisterten Profisurfer zu einem nachdenklichen Singer-Songwriter gewandelt, der sich intensive Gedanken um den Zustand unseres Planeten und über die Nachhaltigkeit seines Tuns macht.  Vor der Veröffentlichung seines siebten Studioalbums “All The Light Above It Too“ am 8. September hat er sich sogar in einem offenen Brief an seine Fans gewandt, um ihnen die Beweggründe für sein neues Album darzulegen.

Hörprobe aus dem Song "Subplots" vom Album "All The Light Above It Too" von Jack Johnson.

Autor/-in: Jack Johnson
Länge: 30 Sekunden
Datum:
Sendereihe: Online | Radio Bremen

Is One Moon Enough? [30 Sekunden] Big Sur [30 Sekunden] Fragments [30 Sekunden] Sunsets For Somebody Else [29 Sekunden]

An alle, die es angeht: Hier wären wir also, angekommen im Jahr 2017. Ich habe gerade die Aufnahmen für mein neues Album "All The Light Above It Too" abgeschlossen. "Above It", darüber – ja, wo drüber denn nun, fragt ihr euch vielleicht... Nun, ich will noch nicht gleich alles verraten. Aber ich kann sagen, dass es Songs sind, die allesamt davon handeln, was mich persönlich im letzten Jahr beschäftigt und bewegt hat. Es war ein Jahr, in dem ich durch einen Teil des Nordatlantiks gesegelt bin – für eine Doku über die Plastikverschmutzung in unseren Ozeanen. Ein Jahr, in dem Trump zum Präsidenten der USA gewählt wurde. Ein Jahr, in dem ich campen und surfen war, zwischendurch genäht werden musste, viel erkundet und viel geträumt habe, noch mehr Zeit mit Familie und Freunden verbracht und über alles nachgedacht und mich ausgetauscht habe – und das alles hat nun diese neuen Songs inspiriert.(Brief vom 07.08.2017).

Hawaiianer aus Überzeugung

Der 1975 auf O’ahu geborene Singer-Songwriter ist so etwas wie Hawaiianer aus Überzeugung. Auf der Veranda seines Elternhauses lernte er Gitarre zu spielen, indem er mit Freunden seines Vaters Songs von Cat Stevens und Bob Marley sang. Schon zu Highschool-Zeiten gründete er mit Freunden eine Band namens “Limber Chicken“ und betrieb das Surfen bis hin zur Profiebene. Die Landschaft und Atmosphäre Hawaiis haben Jack Johnson und seine Musik bis heute nachhaltig geprägt:

           

Jack Johnson über Hawaii [11 Sekunden]

Meine ganze Familie lebt da, es ist ein wunderschöner Ort. Wie eigentlich überall wechselt das Wetter ständig, es kann auch mal viel regnen. Man sieht dann nicht viel von der Landschaft, aber deshalb ist es dort so grün. Das ist eben da, wo meine Familie herkommt.

Jack Johnson bekennt auf seinem aktuellen Album Farbe, nichts anderes ist von ihm auch zu erwarten. Schon seine Single-Auskopplung “My Mind Is For Sale“ richtet sich gegen die von Donald Trump geplante Grenzbefestigung zu Mexiko. Jack Johnson hat den Videoclip zur Single kurzerhand selbst gedreht. Es sei sein bisher günstigstes Musikvideo geworden, stellt der gelernte Filmer fest. Dafür hat er sich durch die Anwendung der traditionellen Stop-Motion-Technik, einer Aneinanderreihung von Einzelbildern, umso mehr Arbeit gemacht.

Songwriter und Umweltaktivist

Ähnlich verfährt Jack Johnson in seinem Video zum Song “You Can’t Control It“: Ein aus unzähligen Teilen weggeworfenen Plastikmülls am Strand ausgelegtes Mosaik begräbt am Ende den Musiker selbst unter sich. Womit wir beim Grundtenor angelangt wären, der sich durch das gesamte Album zieht. Konzipiert im politisch so unruhigen Jahr 2016 spiegelt “All The Light Above It Too“ in unverstellter Weise all das wider, was den für die Belange unseres Planeten so engagierten Musiker, Umweltaktivisten und Klimaschützer umgetrieben hat:

Für gewöhnlich entwerfe ich erst einmal Songskizzen und setze dann eine bestimmte Zeit für die Aufnahmen an. In dem direkten Zeitraum um die Originalskizzen herum entstehen dann die Endfassungen. Denn ich möchte nichts von dem Geist verlieren, den ein Song in seiner absoluten Rohfassung besitzt.

Den Charme nur geringfügig aufpolierter Rohfassungen versprühen alle auf “All The Light Above It Too“ versammelten zehn Songs. Das ist auch der von Johnson in seinem eigenen “Mango Tree Studio“ angewandten reduzierten Aufnahmetechnik geschuldet. Jack Johnson, der auf seinem eigenen Label ”Brushfire Records“ nicht nur seine eigene Musik, sondern auch andere Singer-Songwriter wie etwa den Kalifornier Matt Costa vertreibt, hat dabei in seinem Bandkollegen Robbie Lackritz den idealen Produktionspartner gefunden. Lackritz hat nicht nur Johnsons ab und zu aufkeimende Selbstzweifel ausgeräumt, sondern sich mit ihm zusammen auch um die vor dem Studioeingang aufgestellten Bienenstöcke gekümmert. Jack Johnson erinnert sich:

Diese Songs aufzunehmen war eine anregende Erfahrung, und es fühlt sich einfach immer gut an, die eigenen Gedanken rauszulassen und sie mit anderen zu teilen. Ich glaube, gerade aktuell ist es besonders wichtig, diese Dinge zu teilen, sich mitzuteilen – und ganz genau zu sagen, wie man sich fühlt und wo man steht. Letztlich will ich mit diesen Songs dafür sorgen, dass man sich auch mal wieder gut fühlt in dieser Welt, die manchmal extrem verwirrend und chaotisch sein kann.

Ein minimalistischer Ansatz   

Es ist ein quasi minimalistischer Ansatz, den der sich mit eigenen Stiftungen für den Umweltschutz engagierende Musiker bei seinem aktuellen Album verfolgt. Nach und nach hat Johnson seine neuen Songs um sein Gitarrenspiel herum aufgebaut, was diesen eine Intimität und Aufrichtigkeit jenseits aller aufgesetzten Ernsthaftigkeit verleiht. Für einige Songs kamen dann Jack Johnsons altvertraute Bandkollegen dazu. Es ist sein zupackender Optimismus, dieses Anpacken statt Herumreden, welches ihm sein außergewöhnliches künstlerisches Gewissen verschafft hat:

Wenn mich also dieses Gefühl überkommt, dass alles um mich herum den Bach runter geht, dann hilft es schon, sich daran zu erinnern, dass es diese wunderschöne Welt da draußen gibt. Eine Welt, die eben gerade nicht nur für uns gemacht ist. Wir sind bloß ein Teil in einem größeren Zusammenhang und wir können uns so unglaublich glücklich schätzen, das zu haben.

Das Meer als Spiegel der Seele

Ohne das Meer mit seinen unendlichen Möglichkeiten hätte sich der Künstler Jack Johnson nicht zu der verantwortungsbewussten Persönlichkeit entwickeln können, die sich gleichwohl ihre positive Gelassenheit bewahrt hat. Was die See ihm bedeutet, hat Johnson bereits 2010 deutlich gemacht:

Jack Johnson über die Bedeutung des Meeres [16 Sekunden]

Aufs Meer hinauszugehen, bedeutet für mich im Wesentlichen, mich tiefer in mich selbst hineinzuversetzen. Der Ozean steht stellvertretend für das Unterbewusstsein. Das ist ein Ort, an den mich mein Vater herangeführt hat und an welchen ich meine Kinder heranführe. Sie können entscheiden, ob sie hineinspringen und unter die Oberfläche gelangen möchten, um sich selbst besser kennenzulernen.

Musikalischer Lebensentwurf in relaxtem Soundgewand

Fast auf den Tag genau vier Jahre sind mittlerweile seit der Veröffentlichung seines Vorgängeralbums “From Here To Now To You“ vergangen. Eine Zeitspanne, die der über die Maßen sich engagierende Künstler, der sich unter anderem mit “Johnson’s Top 10 Plastic Free Tips“ umweltbewusst in Szene setzt, nicht nur für die Entwicklung seiner neuen Songs genutzt hat, sondern ebenso für einen einwöchigen Segeltörn in die östlich von Florida gelegene Sargassosee. Als Teil eines vom Meeresforscher Marcus Eriksen für den Dokumentarfilm "The Smog Of The Sea" zusammengestellten Teams machte Jack Johnson sich auf die Suche nach der Vermüllung des Meeres durch Kunststoffabfälle. Für ihn sei die Abgeschiedenheit auf See die perfekte Umgebung gewesen, um all das, was ihn beschäftigt habe, ans Licht zu ziehen und in Songs zu gießen. Anstelle der vermuteten Müllpakete im der Meeresströmung stieß die Crew aus Meeresschützern unter der blauen Meeresoberfläche auf einen Nebel aus Mikroplastik. Diese beklemmende Entdeckung hat Johnson im abschließenden Albumtrack “Fragments – From The Film “The Smog Of The Sea‘“ thematisiert. Wie bei ihm zu erwarten, musikalisch reduziert, ohne dick aufzutragen – und dadurch umso eindrücklicher:

Das Schwierige bei einem Song wie “Fragments“ ist, dass er nicht so klingen soll wie eine öffentliche Bekanntmachung. Am Ende kam ich zu dem Schluss, dass der  Text mehr auf einer psychologischen Ebene berühren solle, warum so etwas passieren kann und wo wir in der Menschheitsgeschichte gerade stehen. Er sollte nicht zu wortwörtlich rüberkommen. 

Ein Musiker mit einer klaren Botschaft

Jack Johnson wäre kein empfindsamer Künstler, wenn er sich nicht auch den Sinn für die kleinen Auszeiten bewahrt hätte, die jeder benötigt, der die globalen Probleme nicht ausblendet, sondern ihnen ins Auge sieht. Der mit der hüpfenden Leichtigkeit eines Paul Simon daherkommende Song “Big Sur“ gehört zu diesen kleinen musikalischen Stimmungsaufhellern auf Johnsons aktuellem Album:

Der handelt einfach davon, mal kurz vor all den Dingen abzuhauen, die sich eigentlich nicht vermeiden lassen. Einfach mit den besten Freunden an einen Ort zu fahren, wo man diese endlosen Gespräche führen kann. Ich meine solche, die eigentlich nie zu einem Ende kommen, weil man irgendwann auch mal kurz schlafen muss.

Als sensibler Beobachter und anpackender Umweltschützer gelangt Jack Johnson auch zu Einsichten über die grundlegende Natur des Menschen, die er nicht ohne Humor in einen tiefenentspannten Song verpackt, welcher der mehrdeutigen Frage “Is One Moon Enough?“ nachgeht:

Ich war beim Campen mit meiner Familie und wir unterhielten uns irgendwann darüber, dass andere Planeten ja mehr Monde haben als unsere Erde. Schließlich wurde daraus ein Witz: Dass wir neidisch sind auf diese anderen Planeten – schließlich gibt es da diese Regel, dass man doch immer zwangsläufig mindestens das haben will, was die Nachbarn haben...

Entspannt und durchsonnt

Jack Johnson versteckt sich bei seinen Songs hinter nichts und niemandem. Sie definieren sich fast ausschließlich über seinen Gesang und sein Gitarrenspiel. Die insgesamt sparsame Instrumentierung gibt sich entspannt und quasi durchsonnt. Der Künstler, dessen Gesicht man den Aufenthalt an und auf dem Wasser auf sympathische Weise ansieht, hat ganz klar ein Anliegen, welches er mit “All The Light Above It Too“ einlösen möchte. Er möchte seinen Standpunkt als Mensch und Künstler schlicht und einfach mit anderen teilen:

Immer wenn ich ein neues Album aufnehme, versuche ich genau den Punkt einzufangen, an dem ich gerade im Leben stehe. Und dann hoffe ich, dass sich die Leute mit dem identifizieren können, was sie da zu hören kriegen. Erst wenn ein Album wirklich einen anderen Menschen berührt, habe ich das Gefühl, damit etwas bewirkt zu haben.

Ein Teil der Verkaufserlöse seines aktuellen Albums wird in Jack Johnsons gemeinnützige Projekte fließen. Der Albumtitel “All The Light Above It Too“ ist ein Appell an eine gewissen Gelassenheit, die uns allen in unruhigen, verwirrenden Zeiten gut zu Gesicht stehen würde. Dieses hawaiianische Relaxing in Verbindung mit einem wachen Auge auf das Weltgeschen ist da doch schon einmal ein guter Ansatz. Von Jack Johnsons auf angenehmste Weise zu hörender Mischung aus ehrlichem Anliegen und entspanntem Feeling kann man sich ohne Weiteres berühren lassen.

Christian Höltge

Jack Johnson “All The Light Above It Too”

UMI/ Jack Johnson
EAN: 0602557827743
VÖ: 08.09.2017

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 11. September 2017, 16: 40 Uhr

Tracks:

Subplots
You Can't Control It
Sunsets For Somebody Else
My Mind Is For Sale
Daybreaks
Big Sur
Love Song #16
Is One Moon Enough?
Gather
Fragments - From The Film "The Smog Of The Sea"

Autoren: alle Songs: Jack Johnson / Nr. 2: Jack Johnson/Zach Gill

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