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Album der Woche

Beth Ditto "Fake Sugar"

26. Juni 2017

Mit ihrer Band Gossip war sie im vergangenen Jahr musikalisch an einem Ende angekommen, alles war gesagt. Nun hat Beth Ditto mit ihrem Solodebüt "Fake Sugar" einen musikalischen Weg eingeschlagen, der nicht weniger energiegeladen ist als die von ihr verlassenen Pfade, der ihre Lebenslinien nachverfolgt und zu neuen Klängen führt.

Hörprobe aus dem Song "In And Out" vom Album "Fake Sugar".

Autor/-in: Beth Ditto
Länge: 29 Sekunden
Datum: Montag, 26. Juni 2017
Sendereihe: Bremen Eins am Abend | Bremen Eins

Fake Sugar [30 Sekunden] Love In Real Life [29 Sekunden] Clouds (Song for John) [29 Sekunden] Oh My God [29 Sekunden]

In der Rückschau sieht Beth Ditto ihre alte Band Gossip als Familie. Als jedoch Nathan Howdeshell, Gitarrist und Bassist von Gossip und Dittos Freund seit Kindertagen, nach und nach die enge Bindung an ihre Band verlor und dann aus persönlichen Gründen nach Arkansas zurückging, wurde der stimmgewaltigen Sängerin klar, dass sie als Solistin weitermachen müsse:

Beth Ditto über das Ende von Gossip [1:10 Minuten]

Gossip ist wie eine Familie gewesen, wir standen einander auf eine seltsame Weise sehr nah. Uns hat eine so lange Geschichte verbunden. Ich kenne Nathan, seit wir kleine Kinder in Arkansas waren. Bevor wir weggingen, hatten wir die Band noch gar nicht gegründet, aber am Beginn unserer Beziehung standen wir als zwei Kinder, die etwas Neues erleben wollten, wir beide waren Punks und verrückte Typen. Die Wahrheit ist, dass Nathan und ich Gossip waren. Und bei unserer letzten Platte war Nathan meiner Meinung nach künstlerisch nicht mehr so ganz bei der Sache. Die Dinge gingen uns nicht mehr so leicht von der Hand. Ich denke, was Gossip immer ausgezeichnet hat, war diese unglaubliche Sache, dass wir die Songs immer ganz schnell geschrieben haben, unsere Platten sind auf einfache Weise zustande gekommen. Manchmal sind unsere Songs auf geradezu magische Weise entstanden - egal, ob sie gut oder schlecht waren. Aber bei der letzten Platte hat es sich wie Arbeit angefühlt. Und das hat Nathan aus der Stimmung gebracht. Als dann sein Vater erkrankte, ging er zurück nach Arkansas - dorthin, von wo wir, kaum dass wir alt genug waren, so schnell wir konnten weggelaufen waren. Und als ich diese Trennung erkannte, habe ich mich wie er gefühlt, indem ich ganz allein ein Gossip-Album machen sollte. Also habe ich einfach die Entscheidung getroffen, dass dies keine Gossip-Songs sind. Ohne Nathan gibt es kein Gossip!

Musikalisch die Weichen neu gestellt

Also stellte Beth Ditto ihre musikalischen Weichen neu, ging ihren Ideen nach und möchte jetzt nur ungern in musikalische Schubladen gepackt werden:

Beth Ditto über ihren veränderten Musikstil [41 Sekunden]

Ich war bereit, etwas zu machen, das so uncool war, dass es schon wieder cool war. Etwas so Langweiliges, dass es schon wieder interessant war. Die Wahrheit ist, dass die Herangehensweise so hässlich war, dass es nun schön ist; so bescheuert, dass es gescheit ist, so langweilig, dass es interessant ist, so scheußlich, dass es bezaubernd ist. Ich wollte, dass es rückwärtsgewandt ist. Das war der einzige Zugang, der sich mir eröffnet hat. Ich wollte einfach eine Platte machen, die nicht vorgab, irgendetwas zu sein. Ich fühle mich wie bei Gossip: Wir haben die Köpfe so voll, dass wir ein wenig unsere Identität verloren haben. Nicht in dem Sinne, dass wir nicht mehr gewusst haben, wer wir sind. Aber es ging etwas Seltsames in uns vor. Es fühlte sich nicht mehr nach uns selbst an. Ich glaube, dass uns das damals nicht bewusst war, aber in der Rückschau sehe ich, dass dies stimmt.

Keine Frage stilistischer Einordnung

Was Beth Ditto hier von sich gibt, klingt widersprüchlich und bizarr - so wie sie sich als Künstlerin ja auch selbst gibt. Im Grunde genommen hat sie sich aber von allen Vorgaben und Schablonen befreit und sich musikalisch auf den Feldern getummelt, die sich ihr anboten. Die zwölf Songs ihres am 16. Juni veröffentlichten Albums "Fake Sugar" sind eine ebenso bunte Folge von Sounds und Stilen, wie die verwirrenden Vergleiche, die Beth Ditto in Bezug auf die Frage nach ihrem Musikstil zieht, nahelegen. Die Single "Fire" leitet ihr Album knarzig-rockig ein, während die Ballade "Clouds (Song For John)" für einen geradezu zärtlichen Abschluss sorgt. Dazwischen liegen der von afrikanischem Groove getragene und von Paul Simons "Graceland" inspirierte Titelsong "Fake Sugar", ein an den Klang von U2 gemahnendes "We Could Run" oder das knackige "Oo La La". Beth Ditto gibt sich exzentrisch, was aber nicht darüber hinwegtäuschen sollte, dass die aus den amerikanischen Südstaaten stammende Musikerin über eine schöne und wandelbare Stimme verfügt und einfach hervorragend singen kann. Beth Ditto geht knallhart zur Sache, sie schmeichelt, sie schnurrt wie eine satte Katze; sie legt starke Emotionen in ihren Gesang und vermag auf jeden Fall eine enorme musikalische Spannung aufzubauen. Damit hat sich die Frage nach stilistischer Einordnung weitgehend erledigt.

Speeddating mit Produzenten

Beth Dittos explosiver Auftritt beim Finale von "Germany's Next Topmodel" sollte nicht über ihre musikalischen Qualitäten hinwegtäuschen. Im Nachhinein hat sich die füllige Sängerin, die eine eigene Modelinie kreiert hat, sehr kritisch über dieses gnadenlose Casting-Format geäußert, welches ihrer Meinung nach "so viele Träume zerstöre". Für die Umsetzung ihrer eigenen musikalischen Träume ging Beth Ditto nach Los Angeles, um in einer Art - wie sie es nennt - "Speeddating" die richtigen Songwriter und Produzenten zu finden. Dittos Wahl fiel auf Jennifer Decilveo, die nicht nur Songwriting-Partnerin ist, sondern auch als Produzentin firmiert und in der Band den Bass spielt. Es war ein Geben und Nehmen, welches schließlich zu Dittos erstem Soloalbum führte:

Beth Ditto über die Zusammenarbeit mit Jennifer Decilveo [34 Sekunden]

Sie wird für eine R&B-Produzentin gehalten, aber sie selbst hält sich, glaube ich, nicht dafür. Für mich ist sie vielmehr eine absolute geeignete Person, um damit zu beginnen, man selbst zu sein. Sie trägt dann ihre Meinung und ihre Herangehensweise dazu bei. Sie musste mich davon überzeugen, “Fire“ zur ersten Single zu machen. Ich dagegen wollte es nicht einmal in der Nähe der Platte sehen! Von ihr habe ich vieles über musikalische Dinge gelernt, von denen ich nichts gewusst habe, und ich wiederum habe ihr vieles über Musik beigebracht. Darin waren wir beständig, obwohl sie mehr von der technischen und akademischen Seite kam und ich mehr der Punk dabei gewesen bin. Bekanntlich bin ich nicht zur Musikschule gegangen und habe auch nicht Musik studiert, aber ich kenne Bands. Ich kann das am besten verdeutlichen, indem ich sage, dass sie für die Rollerblades und ich für die Rollerskates stehe.

Der Sound der Südstaaten

Auf mehr als 80 Songs hatten Beth Ditto und Jennifer Decilveo es gebracht, bevor es die zwölf ausgewählten Songs aufs Album schafften. Mit der großen Leidenschaft, die sie zuletzt bei Gossip vermisst hat, setzt Beth Ditto die großen Lebensthemen Liebe, Verlust, Einsamkeit, Aufbruch zu neuen Ufern musikalisch um. Ihr Soloalbum "Fake Sugar" solle sich nach den Südstaaten anhören, betont sie. Denn, obwohl Ditto als Jugendliche Arkansas fast fluchtartig verlassen hat, zieht sie mittlerweile ein nostalgisches, ja fast poetisches Feeling in ihre alte Heimat zurück:

Beth Ditto über ihre musikalischen Wurzeln [53 Sekunden]

Ich denke, es sind die Unkompliziertheit des Albums und seine Machart. Die Art, wie ich mich dabei gefühlt habe; die Bilder, die ich beim Schreiben im Kopf gehabt habe. Viele von ihnen sind wirklich den Südstaaten geschuldet: die alten Eisenbrücken und die Eisenbahnzüge. Die Sounds eines Nachtzuges in den USA – dieser ganz bestimme Klang und sein Signalhorn, eben diese Nostalgie meiner Kindheit. Egal, wo man auf dem Lande aufwächst, es ist eben einfach ländlich. Es ist wie die Flüsse oder mit seinem Dad fischen gehen oder in eine Spelunke. Genauso, wie diese wirklich wertvollen musikalischen Momente entstehen, die sehr typisch für diese Region sind, in der ich aufgewachsen bin. Und die Art von Musik, die mein Vater gehört hat, und die Musik, die meine Cousins gemacht haben. Sie spielten Boogie-Woogie-Klavier und tourten zusammen mit Jerry Lee Lewis und Little Richard durch die Südstaatenkasinos. So wie mein Bruder, der mit 14 Drummer einer Band war. Das alles ist etwas, das mich exakt zu der gemacht hat, die ich heute bin.

Das Ende einer künstlerischen Liebe

Beth Ditto lebt mittlerweile glücklich in einer gleichgeschlechtlichen Ehe. Wenn es in ihrem Album “Fake Sugar“ um Verlust geht, dann sind damit eher die Trennung von Gossip und die verlorene Nähe zu Nathan Howdeshell gemeint. Es sei wie „eine künstlerische Liebe“ gewesen, die mit seiner Rückkehr nach Arkansas geendet habe:

Beth Ditto über die Songinhalte [29 Sekunden]

Die meisten Songs drehen sich um etwas, das man selbst gar nicht erkennt. Selbst, wenn man sie gerade schreibt, wird einem nicht klar, worum es in ihnen geht. Aber ich denke, bei vielem auf diesem Album geht es definitiv um mein Leben, das sich für immer geändert hat. Durch Nathans Fortgehen – es war traumatisch, dass Nathan zurückgegangen ist. Gut, er hat wieder zu Gott gefunden. Aber es ist wirklich traurig, wirklich traumatisch. Es ist ein Trauma gewesen! So traurig ich beim Tode meines Dads gewesen bin, genau solch einen Verlust habe ich empfunden, als Nathan nach Arkansas zurückgekehrt ist. Und ich wusste, dass etwas für immer anders sein würde.

Ein singender Vulkan

Dass sie ihren in so vielen Farben schillernden Pop allein so nicht hätte stemmen können, ist Beth Ditto, diesem singenden Vulkan, klar. Befeuert wurde ihre von Rhythmen getriebene und von Soundeffekten durchstrahlte Musik auch von der Kreativität ihrer Mannschaft. Ein wenig kokettiert die wortgewandte Sängerin mit ihrer Rolle bei der Entstehung ihres Albums:

Beth Ditto über den Stellenwert ihres Albums [49 Sekunden]

Ich bin glücklich! Wenn ich eines gelernt habe, dann ist es, dass man nie weiß, was kommt. Ich habe niemals gedacht, dass ich einmal ohne Nathan Musik machen würde. Ich bin der Überzeugung, dass ein großer Anteil der Traurigkeit auf dieser Platte von meinem Gefühl eines echten Verlusts herkommt. Ich habe niemals gedacht, dass ich selbst etwas auf die Beine stellen könne. Und das habe ich ja auch nicht gemacht! Seien wir ehrlich: Ich habe bei der Produktion dieser Platte so viel Hilfe gehabt, einfach unglaubliche Hilfe! Und dafür liebe ich jeden von ihnen! Ich habe eigentlich gar kein Soloalbum gemacht. Ich habe lediglich eine Platte aufgenommen und meinen Namen draufgesetzt. Klar hatte ich die hundertprozentige Kontrolle über das Ja oder Nein, darüber, wie es laufen sollte; es gab ja keine Arbeitsgemeinschaft mehr. Aber was ich meiner Meinung nach gelernt habe, ist, dass man nicht alles kontrollieren kann. Du denkst, du hast die Kontrolle, und besitzt sie gar nicht! Was das betrifft, ist man machtlos. Also sollte man das als Vorteil nutzen, anstatt dagegen anzugehen. Lass es einfach geschehen und du fühlst dich viel besser, wenn das Unvorhersehbare passiert!

Beth Ditto hat bisher eine durchaus kurvige Lebenslinie verfolgt. Sie stammt aus schwierigen Verhältnissen und hat sich auf eigenwillige Weise ihre Wege auf die Bühne und in ein erfülltes Privatleben gebahnt. Dass dies alles nun in ein buntes, überraschendes und von pulsierender Energie getragenes Soloalbum mündet, beweist, dass ihr musikalischer Weg der für sie richtige und noch nicht zu Ende gegangen ist.

Autor: Christian Höltge

Beth Ditto "Fake Sugar"
SMI/ Sony Music Entertainment International Limited
EAN: 0889854348328
VÖ: 16.06.2017

TitelLänge
Fire Fire
In and Out
Fake Sugar
Savoir Faire
We Could Run
Oo La La
Go Baby Go
Oh My God
Love in Real Life
Do You Want Me To
Lover
Clouds (Song for John)

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 26. Juni 2017, 20:06 Uhr

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