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Album der Woche

Milky Chance “Blossom“

17. März 2017

Aus Nordhessen, genauer gesagt aus Kassel, kommt dieses musikalische Rezept: Man nehme ein sparsames melodisches Motiv, kombiniere es mit einem coolen Beat und schmecke es ab mit einer spröden Stimme. Milky Chance nennen sich die Musikpatissiers dieser bittersüßen Pop-Pralinen, die auf ihrem aktuellen Album “Blossom“ zu finden sind.

Ausschnitt aus dem Song "Cold Blue Rain" vom neuen Album "Blossom" von Milky Chance.

Autor/-in: Milky Chance
Länge: 29 Sekunden
Datum: Montag, 20. März 2017
Sendereihe: Online | Radio Bremen

Blossom [30 Sekunden] Ego [30 Sekunden] Piano Song [29 Sekunden] Firebird [26 Sekunden]

Clemens Rehbein und Philipp Dausch, die beiden Köpfe von Milky Chance, kennen sich aus Schulzeiten von der Jacob-Grimm-Schule in Kassel. Dort spielten sie in einer Oberstufenband, absolvierten einen Leistungskurs Musik, machten 2012 ihr Abitur – alles ganz normal, so scheint es. Eher außergewöhnlich ist aber, dass Rehbein und Dausch zusammen mit Freunden einen Bus kauften und damit als Straßenmusiker durch Europa tourten. Das ist dann schon eine musikalische Schule der härteren Art.

Von Kassel aus zum internationalen Popereignis

Milky Chance [Quelle: Universal Music, Jeff Hahn]
Milky Chance [Quelle: Universal Music, Jeff Hahn]

Clemens Rehbein begann schon zu Schulzeiten Songs zu schreiben, die er dann zusammen mit Philipp Dausch in dessen Wohnung aufnahm. Als die beiden in ihrem Abitursjahr 2012 dann “Stolen Dance“ bei  YouTube hochluden, konnten sie noch nicht ahnen, dass sie damit eine Poplawine lostreten würden: Klicks im Hunderttausenderbereich gaben Rehbein und Dausch den Mut, ein eigenes Plattenlabel zu gründen und mit gesammeltem Geld am 1. Oktober 2013 ihr Debütalbum “Sadnecessary“ zu veröffentlichen. “Stolen Dance“ konnte sich dadurch zu einem Megaseller entwickeln: Über 300 Millionen Mal wurde dieser den musikalischen Markenkern von Milky Chance präsentierende Song bei YouTube angeklickt. “Stolen Dance“ kletterte an die Spitze etlicher europäischer Charts; in Deutschland  war es Platz zwei. In den USA kam die Single auf zwei Millionen Verkäufe.

"Stolen Dance" Video bei Youtube

Kleinteilige Songs mit sprödem Charme

Knapp dreieinhalb Jahre später, am 17. März 2017, haben die Jungs von Milky Chance nun ihr zweites Album mit dem Titel “Blossom“ veröffentlicht. 14 neue Songs entfalten auf der Basis eines reduzierten melodischen Materials ihren spröden Charme. Dieser aber arbeitet sich bei mehrmaligem Hören unweigerlich in unser musikalisches Langzeitgedächtnis vor, um sich dort dauerhaft festzusetzen. Kompromisslos sowie mit Ecken und Kanten machen Rehbein und Dausch ihr ganz eigenes musikalisches Ding und treffen damit ganz offensichtlich den Nerv einer weltweiten Fangemeinde.

Wie ein Abenteuertrip haben die ausgedehnten Touren der Jahre 2014 bis 2016 durch Nordamerika, Australien, Südafrika und Europa auf die jungen Musiker gewirkt, stellt Clemens Rehbein rückblickend fest:

Es war grandios. Jeder Tag war ein Abenteuer. Aber jeder, der nach der Schule auf so eine Abenteuerreise geht, fährt anschließend wieder nach Hause. Als Künstler regt es deine Kreativität an, wenn du einfach in einen Bus steigen und an einen neuen, unbekannten Ort fahren kannst. Aber man muss auch irgendwo Wurzeln schlagen.

An der Nahtstelle zwischen Abenteuer und der Suche nach den Wurzeln

An dieser emotionalen Nahtstelle zwischen der Begeisterung über den Erfolg der eigenen Musik und der Suche nach einem Ort des zur Ruhe Kommens ist das aktuelle Album “Blossom“ anzusiedeln. Rehbein, mittlerweile Vater einer Tochter, spricht vom veränderten Blick aufs Leben: "Du willst alles zusammenhalten. Du willst Musiker sein, aber auch ein guter Vater."

Zusammengehalten – das könnte auch den beherrschenden Wesenszug der neuen Songs von Milky Chance beschreiben. Kurze, prägnante Motive ziehen die Songs quasi zusammen, welche auf einem deutlichen, aber nie aggressiven Groove abgespult werden. Sänger Clemens Rehbein zerrt, näselt und knarzt mit seiner unverwechselbaren Stimme an den Melodien herum, dass es eine Freude ist. Da ist immer wieder der versierte Straßenmusiker herauszuhören.

Bei ihrer Zusammenarbeit scheinen Rehbein und Dausch durchgehend auf die Tanzbarkeit ihrer Songs zu setzen, zumindest kann einem deren Beat mächtig in die Glieder fahren. Mal scheint der Rhythmus vom Blues herzukommen wie in “Cold Blue Rain“, mal ist er vom Flamenco inspiriert wie im Song “Firebird“.

Das musikalische Erfolgsrezept leicht modifiziert

Bei der Entstehung ihrer neuen Songs gingen Clemens Rehbein und Philipp Dausch nach ihrem bewährten Muster vor: Rehbein komponierte die Songs und Dausch sorgte für Beats, Sounds und Samples. Beide arbeiteten dann gemeinsam an den endgültigen Fassungen. Anders als bei ihrem selbstproduzierten Erstling wollten die beiden bei “Blossom“ aber auch leicht veränderte Wege gehen, wie Dausch erzählt:  „Als wir die ersten Demos gemacht haben, war unsere Vision, bei unserem bewährten Stil zu bleiben, aber ein bisschen handgemachter an die ganze Sache heranzugehen.“

Mit seinen Demos wandte sich das Duo an den Produzenten Tobias Kuhn, der durch seine Arbeit unter anderem mit Udo Lindenberg, den Sportfreunden Stiller und den Toten Hosen bestens mit der deutschen Popszene vernetzt ist. Eine gute Wahl, wie Dausch berichtet:

Man hat ja dieses Klischee im Kopf, dass der Produzent kommt und sagt: ‚Dieser Part hier funktioniert nicht, den nehmen wir raus, stattdessen macht ihr das bitte so und so.‘ So war es mit Tobi aber gar nicht. Er ist ein sehr sensibler Typ, der sich auch mit uns als Menschen beschäftigt hat und feine Antennen dafür hatte, was uns wichtig ist und was nicht.

Milky Chance wollten mehr mit akustischen Instrumenten arbeiten, was Clemens Rehbein bestätigt: „Im Prinzip bestand die Aufgabe darin, den grundsätzlichen Vibe der ersten Platte schonend auf ein breiteres Fahrwerk zu übertragen. Eigentlich kommen wir vom Musikmachen mit Instrumenten, davon steckt in diesem Album ein bisschen mehr.“ Dritter im Bunde bei dieser musikalischen Nachjustierung war Gitarrist und Mundharmonikaspieler Antonio Greger, der mit Milky Chance live schon länger ein Trio bildet.

Minimalismus in Reinkultur

Den Dingen ihren Lauf lassen wollten die Musiker von Milky Chance, was Clemens Rehbein bestätigt: „Es gab nicht den einen konzeptuellen Rahmen für “Blossom“, wir haben uns dem Album Song für Song angenähert. Wir haben darauf vertraut, dass das Ganze am Ende rund wird. Weil das ja alles wir sind und die Songs in einer bestimmten Phase entstanden sind.“  

Das aktuelle Album von Milky Chance steht somit auch für eine Art Sinnsuche – musikalisch wie emotional. Die Single “Cocoon“ verdeutlicht dieses Element der Musik von Milky Chance vielleicht am deutlichsten. Für Clemens Rehbein steht “Cocoon“ für den Versuch, „einen Ort zu finden, an dem du du selbst sein kannst und nicht abgelenkt bist. An dem du einen Gang runterschalten und über dich selbst nachdenken kannst.“ Diesen Ort haben die Musiker von Milky Chance hörbar im Minimalismus ihrer Songs gefunden.

Weniger ist mehr, scheint also ihr zentrales musikalisches Motto zu sein. Übertragen auf ihr aufregendes Musikerleben muss es dann heißen: zurück in die überschaubaren Dimensionen der Provinz. Denn wie stellt Philipp Dausch fest: "Drei Monate US-Tour fühlen sich an wie fünf Lebensjahre. In Kassel finden wir nach dem ganzen Sozialspektakel wieder Halt bei unseren Freunden und Familien." 

Die Macht der Vergleiche versagt bei der Musik von Milky Chance mehr oder weniger. Keine gefällige Schublade vermag dieses skurrile Popprojekt aus Kassel aufzunehmen. Es sei denn ihr eigener leicht knarzig-kauziger, aber dennoch so prägnanter Stil wird selbst zur Schublade für andere.

Christian Höltge

Milky Chance: ”Blossom”
UMD/ Vertigo
EAN: 0602557393446
VÖ: 17. März 2017

Die Songs
TitelLänge
Blossom4:14
Ego3:51
Firebird3:40
Doing Good4:10
Clouds4:16
Cold Blue Rain4:56
Stay4:09
Bad Things [feat. Izzy Bizu]4:12
Cocoon4:14
Losing You4:32
Peripeteia3:42
Alive4:10
Piano Song3:18
Heartless6:41
Cold Blue Rain (Acoustic Version)3:45
Alive (Acoustic Version)3:16
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