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Album der Woche

Jake Bugg “Hearts That Strain“

4. September 2017

Ein junger britischer Musiker mit einer hellen Stimme singt tieftraurige Balladen, versieht sein aktuelles Album mit einem geradezu düsteren Titelsong und frischt das Ganze dann mit einer reichhaltigen Palette an Klangfarben auf. Jake Bugg heißt dieser 1994 in Nottingham geborene Singer-Songwriter, der am ersten September sein mittlerweile viertes Album “Hearts That Strain“ an den Start gebracht hat.

Hörprobe aus dem Song "Indigo Blue" vom Album "Hearts That Strain" von Jake Bugg.

Autor/-in: Jake Bugg
Länge: 29 Sekunden
Datum: Montag, 4. September 2017
Sendereihe: Online | Radio Bremen

Burn Alone [28 Sekunden] Southern Rain [30 Sekunden] This Time [27 Sekunden] How Soon The Dawn [30 Sekunden]

Schon Jake Buggs nach ihm selbst betiteltes Debütalbum ließ 2012 die Musikwelt aufhorchen und konnte für eine Woche die Spitze der britischen Albumcharts erobern. Der ehemalige Oasis-Frontmann Noel Gallagher nahm den jungen Sänger, dessen Songs schon so viel reifer klangen, als sein Alter erwarten ließ, mit auf Tour. In der Rückschau erzählt Gallagher, es habe ihm das Herz gebrochen, als er feststellen musste, dass Jake Bugg bei seinen Songs auf die Mithilfe von Koautoren gesetzt hatte. Für Herzschmerz besteht nun allerdings kein Anlass mehr. Immerhin hat Bugg acht seiner auf “Hearts That Strain“ versammelten elf Songs komplett allein geschrieben. Bei den drei übrigen Songs stehen seine beiden Produzenten David Ferguson und Matt Sweeney sowie Dan Auerbach, Sänger des aus Ohio stammenden Bluesrock-Duos “The Black Keys“, mit auf der Autorenliste.

Intensiv an den Songs gearbeitet

Seine Songs auf “Hearts That Strain“ hat Jake Bugg in einer intensiven mehrmonatigen Arbeitsphase entwickelt, innerhalb welcher sich das Songwriting und die Aufnahmen abwechselten:

Autor/-in: Christian Höltge
Länge: 19 Sekunden
Datum: Montag, 4. September 2017
Sendereihe: Online | Radio Bremen

Insgesamt habe ich in Nashville wohl um die drei Wochen mit den Aufnahmen zugebracht. Zu Hause habe ich etwa zwei Wochen an den Songs gearbeitet, bin dann für die Aufnahmen nach Nashville gegangen. Danach war ich dann für ungefähr zwei Monate in L.A., wo ich dann, wann immer ich konnte, weitergeschrieben habe. Dann bin ich zurückgekommen und habe das Ganze noch ein weiteres Mal gemacht. Es waren insgesamt also drei Aufnahmewochen und vielleicht fünf Monate Songschreiben.

Pop mit Folk und Country

Jake Bugg, dessen Stimme entfernt an die von Jim Croce erinnert, mischt auf seinem aktuellen Album Singer-Songwriter-Pop mit Folk, einer leichten Brise West-Coast-Feeling und einem kräftigen Schuss Country. Letzteres ist nicht verwunderlich, fanden die Aufnahmen doch in der “Music City“ Nashville statt. Dort traf der junge Brite auf zwei alte Recken aus dem ehemaligen “American Sound Studio“ in Memphis: Drummer Gene Chrisman und Keyboarder Booby Wood gehörten zur dortigen Hausband “The Memphis Boys“. Zu den Hits, an denen diese beteiligt war, zählen unter anderem “In The Ghetto“ von Elvis Presley und Neil Diamonds “Sweet Caroline“. Jake Bugg war begeistert vom Zusammentreffen mit solch erfahrenen Musikern, die von zehn bis fünf Uhr ihren Job machten und - nachdem zwei oder drei Songs fertig geworden waren – ihre Sachen wieder zusammenpackten. Großartige alte Kerle nennt der junge Brite sie und es sei schon eine verrückte Sache, aus England zu kommen und gemeinsam mit diesen musikalischen Legenden seine Songs aufzunehmen. Die Wahl des Studios hatte wohlweislich Dan Auerbach getroffen, der bereits seit acht Jahren in Nashville wohnt und sich nach den vielen Jahren, die er mit den Black Keys auf Tour war, dort endlich sein eigenes Studio aufbauen konnte:

Jake Bugg über die Aufnahmen [24 Sekunden]

Vor einigen Jahren war ich mit den Black Keys in Amerika auf Tour und habe Dan dann ein- oder zweimal wiedergetroffen. Und so war es eine schöne Sache, mit ihm ins Studio zu gehen, wo wir auf Leute trafen, die ihm schon wohlbekannt waren. Es war großartig und wir haben viel rumgeflachst. Alle an dem Album beteiligten Musiker waren überragend: Gene Chrisman, Dave Roe und Bobby Wood. Die haben mit Leuten wie Elvis, Aretha Franklin und Dusty Springfield zusammengespielt. Das ist schon ziemlich cool und eine aufregende Erfahrung.

Der musikalische Geist Nashvilles

Für den 23-jährigen Singer-Songwriter ist es schon eine Herausforderung gewesen, sich den Fähigkeiten solch erfahrener Studiomusiker zu stellen. Aber auch hier offenbart sich Jake Buggs jugendliche Unbekümmertheit, die in seinem Standing als Songwriter die Sicherheit findet, mit den ausgebufften Profis mitzuhalten. Sie geben ihm sogar den Ansporn, immer besser zu werden:

Jake Bugg über seine Studiomusiker [22 Sekunden]

Also, es ist schon hart, in einen Raum zu gehen, der voller Leute von solch hohem musikalischem Können steckt. Ich spüre den Druck und möchte sicherstellen, dass ich sehr gut spiele und mit den Jungs mithalten kann. Denn ich mag es, unter Druck zu stehen. Das lässt mich besser spielen und ein bisschen härter arbeiten. Und ich fühle, wie ich  im Kreise dieser Kerle als Musiker immer besser werde. Und wie sollte man nicht, wenn man mit diesen wirklich großartigen Musikern zusammenspielt.

Auch wenn Country nur eine Facette des neuen Jake-Bugg-Albums darstellt, so strömt der musikalische Geist Nashvilles doch aus jeder seiner Poren. Das aus dem in Nashville hochangesehen Tontechniker David Ferguson und  dem erfahrenen Bandmusiker Matt Sweeney bestehende Produzentenduo setzt grundsätzlich auf klangliche Durchsichtigkeit. Der bisweilen sehr deutliche Hall verleiht den Songs dann jedoch eine schwebende Flächigkeit und sorgt für satt aufgetragene Klangfarben.

Retro-Charme mit junger Stimme

Jake Bugg setzt bei seinen elf neuen Songs einerseits auf Wohlklang, der in der Single “How Soon The Dawn“ fast schon Easy-Listening-Atmosphäre erreicht; andererseits baut er auch auf dunkle und melancholische Momente. So im mit dumpfen Glockenschlägen endenden Titelsong “Hearts That Strain“, in welchem es  um einen Mann geht, der aufgrund einer Verwechslung umgebracht wird. In der Ballade “The Man On Stage“ thematisiert Jake Bugg die Diskrepanz zwischen dem Idol auf der Bühne und der realen Person, die sich dahinter verbirgt. Diese tiefgründigen Themen und verhaltenen musikalischen Momente unterfüttern das gesamte Album. Sie vermitteln so den Eindruck, dass hier ein auf der Klaviatur der Gefühle sehr sicherer Musiker an der Arbeit war. Jake Buggs Album atmet gewissermaßen Retro-Charme mit junger Stimme.

Don McLean gab die Initialzündung

Bereits mit 14 Jahren hat Jake Bugg begonnen, eigene Songs zu schreiben. Ausgestattet mit der Gitarre seines Onkels erforschte er die musikalischen Gefilde von Bob Dylan, Johnny Cash, Donovan und anderen Größen ihres Fachs. Die Initialzündung für seine musikalische Spurensuche hatte der Teenager ausgerechnet vor dem Fernseher erhalten: Als in einer Folge der “Simpsons“ Don McLeans Song “Vincent“ lief, wurde Bugg gepackt und wollte unbedingt lernen, diesen Song zu spielen und – noch viel mehr – solche Songs selbst zu schreiben:

Jake Bugg über den Don McLeans Song "Vincent [25 Sekunden]

In der Tat hat dieser Song mich inspiriert und an die Musik herangeführt. Das Besondere daran ist, dass man nicht genau weiß, warum man ihn mag. Und deshalb ist er etwas Besonderes. Man kann immer sagen, warum man etwas nicht mag. Ich bin der Auffassung, wenn ich beschreiben soll, warum mir ein Musikstück so gut gefällt, kann ich mir zwar immer etwas herauspicken wie einen Harmoniewechsel oder den Melodieverlauf. Das tatsächliche Feeling eines Songs dagegen oder warum er in uns bestimmte Gefühle auslöst, ist meiner Meinung nach nicht zu erklären.

Akustisches Gefühlskino

Jake Buggs Songwriting erinnert bisweilen an Simon & Garfunkel oder in einigen harmonischen Wendungen an die Beatles. So wirkt das gesamte Album eher traditionell, ohne aber altbacken zu klingen. Die Songs sind individuell und abwechslungsreich instrumentiert. Es kommen auch Bläser und Streicher zum Einsatz. Das geht vom wolkigen “Indigo Blue“ bis zum mit einem traditionellen Saxophon-Chorus versehenen Duett “Waiting“, welches Jake Bugg zusammen mit  Noah Cyrus singt. Das akustische Gefühlskino, das der Engländer mit dem verträumten Blick bietet, streift mit dem Gitarrensolo im Song “Burn Alone“ sogar kurz den Blues.

Mehr als eine Aneinanderreihung von Songs

Für Jake Bugg ist es wichtig gewesen, ein klassisches Album zu schreiben, bei welchem man nicht in Versuchung geraten solle, einen Track zu überspringen. Die Idee eines kompletten Albums sei das, was ihn als Musiker reize, betont er. Selbst wenn Playlists und Streaming einmal das Album komplett verdrängen sollten, für ihn sei es immer erste Wahl. Da bezieht Jake Bugg trotz seiner jungen Jahre einen konsequent traditionellen Standpunkt. Er selbst sieht sein aktuelles Album nach der Arbeit in Nashville mit anderen Augen, denn es habe eine eindeutige und wichtige Entwicklung gegenüber den Vorgängeralben gegeben, stellt er fest:

Jake Bugg über das Besondere am Album [36 Sekunden]

Dass ich für alle Tracks dieselben Musiker, dasselbe Studio und denselben Produzenten genutzt habe, hat mir wirklich geholfen, die einzelnen Songs zu etwas zusammenzufügen, das nach so etwas wie einem Album klingt. Und ich habe gemerkt, dass ich alle Songs vom Stil her gut aneinander angepasst habe. Und als die Musiker die Tracks dann mit Leben erfüllt haben, kamen alle Elemente zusammen, die Songs wurden richtiggehend entfesselt. Sie klingen mehr nach einem Album als nach einer Songsammlung, so wie unter Umständen meine letzte oder auch meine erste Platte geklungen haben.

Eine gute musikalische Entwicklung genommen

Es ist dennoch ein erstaunliches Fazit, welches Jake Bugg in der Rückschau auf die Arbeit an “Hearts That Strain“ zieht. Oder ist es vielmehr die logische Konsequenz seiner musikalischen Entwicklung, wenn ihm plötzlich klar wird, dass seine neuen Songs zwar durch konsequentes Arbeiten, aber gleichzeitig auf ganz selbstverständliche Weise entstanden sind?

Jake Bugg im Rückblick aufs Album [15 Sekunden]

Diese Platte ist die leichteste, die ich bisher gemacht habe, alles in fünf Monaten, was ziemlich schnell gewesen ist. Die Songs sind mir einfach zugefallen. Ich habe natürlich ziemlich hart gearbeitet. Ich habe hart daran gearbeitet, die Songs zu vollenden. Ich habe versucht, jede Woche zwei Songs zu schreiben. Das war, was ich gemacht habe, bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich der Meinung war, das Album sei wirklich stark genug.

Wenn frische musikalische Ideen auf geballte musikalische Erfahrung treffen, dann kann nur Gutes dabei herausgekommen. Das Experiment „Nottingham-Nashville“ ist gelungen, die von Dan Auerbach und seinem Toningenieur David Ferguson konzipierte Versuchsanordnung hat funktioniert und Jake Bugg hat bewiesen, dass er, der junge Brite mit der hellen Stimme, mit den alten Hasen aus Nashville mithalten kann.

Christian Höltge

Jake Bugg “Hearts That Strain”

Albumdaten
Jake Bugg “Hearts That Strain”
EMI
EAN: 0602557884333

VÖ: 1. September 2017

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 4. September 2017, 16: 40 Uhr

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