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Porträt

Ian Anderson ist 70

10. August 2017

Viele Musiker sind mit ihrer Gitarre zu Stars geworden; einige auch mit Klavier, Orgel oder Synthesizer. Aber es gibt nur einen, der's mit der Querflöte ganz nach oben geschafft hat. Und das ist Ian Anderson mit seiner Band Jethro Tull. Joachim Deicke gratuliert dem "Mann mit der Flöte" für Bremen Eins.

Ian Anderson Jethro Tull [Quelle: Jethro Tull]
Ian Anderson Jethro Tull [Quelle: Jethro Tull]

Ian Anderson im Proträt [3:10 Minuten]

Von der Gitarre endlich zur Flöte

Eigentlich hatte er lange versucht, ein guter Gitarrist zu sein. Aber in Londons überdrehter Musikszene musste er vor 50 Jahren feststellen, dass er keine Chance hatte. Dutzende waren besser als Ian Anderson. Also sattelte er um: Eine Flöte gehörte ihm sowieso; nach einem halben Jahre konnte er sie halbwegs spielen. Und die Rechnung ging auf: Rockmusik mit Querflöte war ein echter Hinhörer und ist es bis heute geblieben.

"Ich glaube, ich hatte die Flöte schon bei der allerersten Probe von Jethro Tull dabei. Ich konnte nichts darauf spielen. Aber sie gehörte mir, so wie auch eine Mundharmonika, eine Tin Whistle und eben diese Flöte." Ian Anderson

Wie ein Storch auf einem Bein

In seiner jüngeren Ausgabe hätte Ian Anderson Gandalfs abgerissener Bruder sein können. Ein Waldschrat in Schnürstiefeln und altertümlichem Wams, der wirrsinnig mit den Augen rollt und wie ein Storch auf einem Bein balanciert, während er hingebungsvoll in seine Flöte bläst, singt, knurrt und röchelt.

"Die Flöte ist ein Instrument, mit dem man eine Band führen kann. Sie sieht ein bisschen albern aus, ein wenig mädchenhaft." Aber dadurch, dass er beim Spielen auch singt oder ruft, kann Anderson sich in einer Rockband gut durchsetzen, sagt er zur Wahl seines markanten Instruments.

Ian Anderson heute, mit den Haaren im Rückzug, unauffälliger Brille und säuberlich gestutztem Bart, wirkt auch nicht älter, als der zauselige Irrwisch, der Anfang der Siebziger vom Versprechen der Hexe oder einem "Leben in der Vergangenheit" in "Living In The Past" sang.

Anfänge im Swinging London der 60er

1967 war der Beat-begeisterte Schotte nicht nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort in Swinging London; er hatte auch den Mut, die bewährten musikalischen Trampelpfade zu verlassen. Jethro Tull hatten in ihrer ersten Besetzung einen gestandenen Blues-Gitarristen zum Frontmann gemacht. Aber Ian Anderson und die anderen fragten sich, warum man eigentlich immer auf eine schwarze, amerikanische Volksmusik zurückgreifen musste. Ian Anderson fühlte sich wie ein Hochstapler, und schon nach kurzer Zeit war ihre Musik ja auch viel eigenständiger.

Jethro Tull gehörten in den Kreis der "Progressiven Rockbands" der frühen Siebziger und waren – mit ihrer Mixtur aus Hardrock und Mittelalter – eine Quelle der Gothic-Bewegung. Dazu gehörte auch das immer stärker werdende Faible für englische Volksmusik.

In den Schulterpolster-Achtzigern war damit allerdings kein Blumentopf zu gewinnen. Und anders als viele ihrer Kollegen schaffte es Ian Anderson nie, sich und seine Band neu zu erfinden. So schlief das ganze Projekt irgendwann ein. 2003 erschienen die letzten neuen Tull-Songs. 2011 gab es den letzten Auftritt. Solo macht Ian Anderson weiter. "Too Old To Rock'n' Roll" ist er noch lange nicht. Aber Illusionen macht er sich auch nicht:

"Die Zeit der Rockmusik ist vorbei. Wenn jemand heute Musik macht, die ebenso radikal wäre, dann kann man das nicht mehr Rockmusik nennen." Ian Anderson

Joachim Deicke

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 10. August 2017, 11:20 Uhr

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