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Modeschöpfer Michaelsen

Unser Mann in Paris

Interview mit Jürgen "Yorn" Michaelsen

Was Modeschöpfer Jürgen "Yorn" Michaelsen zur Bremer Schaffermahlzeit tragen wird, erfahren Sie im Interview mit Britta Uphoff. Dabei erzählt der gebürtige Bremer, wie er bei Christian Dior in den 1950ern seine Karriere begann und selbst als Haute Couturier in Paris Mode kreierte.

Was Modeschöpfer Jürgen "Yorn" Michaelsen zur Bremer Schaffermahlzeit tragen wird, erfahren Sie im Interview mit Britta Uphoff. Dabei erzählt der gebürtige Bremer, wie er bei Christian Dior in den 1950ern seine Karriere begann und selbst als Haute Couturier in Paris Mode kreierte.

Autor/-in: Britta Uphoff
Länge: 12:29 Minuten
Datum: Donnerstag, 8. Februar 2018
Sendereihe: Online | Radio Bremen

Bremen Eins: Sie wurden 1935 in Bremen geboren und leben seit 60 Jahren in Paris. Dort sind Sie als Modeschöpfer tätig. Wann wussten Sie, dass Sie Modedesigner werden wollen?

Jürgen Michaelsen: Das ist eine schwierige Frage – das weiß man nicht hundertprozentig. Man weiß, dass man irgendwie in die Mode möchte, aber man weiß nicht genau, wie man das, aus Bremen kommend, macht. Bremen ist für die Mode ein bisschen sehr weit ab von der Welt, und ich bin per Zufall nach Paris gekommen. Ich zeichnete schon sehr viel in der Schule. Ich kriegte per Zufall eine Einladungskarte für eine Modenschau bei Christian Dior in Paris, und das war so fabelhaft.

Bremen Eins: Wie alt waren Sie da?

Jürgen Michaelsen: Da war ich 19. Ich stürmte zurück ins Hotel  und machte etwas bessere Modeskizzen als vorher.

Ich war natürlich so beeindruckt von der Modenschau im Hause Christian Dior und habe dann ungefähr zwei Tage lang vor der Studiotür von Christian Dior in Paris gesessen und habe darauf gewartet, dass ich empfangen wurde.

Ich hatte ein wahnsinniges Glück, denn Yves Saint Laurent war schon engagiert als Assistent von Christian Dior. Ein zweiter Assistent wurde an dem Tage, an dem ich mich bei Christian Dior vorstellte, zum Militärdienst einberufen. Die Stelle war also frei. Vielleicht amüsierte sich Christian Dior darüber, einen Deutschen aus Bremen zu haben – auf jeden Fall wurde ich am Tage selber eingestellt. Es ist wahnsinnig einfach zu erzählen, aber es war so: ein Riesenglück.

Bremen Eins: Was war das für eine Zeit, in der Sie damals gearbeitet, gelebt und kreiert haben?

Jürgen Michaelsen:  Es waren die 50er Jahre, 1956: Christian Dior hat seine ligne corolle (deut.: Blütenkelchlinie) vorgestellt. Natürlich, viele Stoffe, sehr romantisch: Typische Pariser Mode. Die ist heutzutage natürlich leider nur noch im Museum zu sehen. Aber ich war begeistert. Ich war in Bremen sehr aktiv im Institute Francais und studierte da. Ich liebte die Modezeitungen – besonders Harpers Bazaar und Vogue und fand die Mannequins von Christian Dior immer so hinreißend.

Ich vergesse nie das erste Mal, als ich im Studio war und die Studiotour aufging und eines der Mannequins, die ich zuvor im Institute Francais in der Vogue anbetete, zu einer Anprobe im Studio von Dior erschien. Das sind so Geschichten, die vergisst man nie im Leben.

Bremen Eins: Wer denkt, Karl Lagerfeld sei mit seiner Idee Vorreiter gewesen, mal für eine große Modekette zu entwerfen und für H&M zu kreieren, der liegt ganz falsch – das haben Sie ja wirklich schon lange Zeit vorher getan!?

Jürgen Michaelsen: Meine erste Kollektion war ein großer Erfolg, aber ich war total pleite. Die Presse war zu den Zeiten super, und es war auch einfacher in der Mode zu den Zeiten. Ich hatte die Titelseite von der Revue oder der Quick in Deutschland, genau weiß ich es nicht mehr. Also, ich war pleite und fragte mich, wie ich jetzt weitermache. Ich wollte Prêt-à-porter machen, schon eine Boutiquekollektion. Ich rief über die internationale Auskunft bei Karstadt an und wurde mit dem Direktor der Damenoberbekleidung verbunden. Das war Herr Dahlbender – ein super Mann. Ich meldete mich am Telefon aus Paris mit dem Namen, den mir Christian Dior gab: Yorn Michaelsen. Denn Jürgen konnte Dior nicht aussprechen. Und bei diesem Namen ist es auch geblieben.

Ich rief also Herrn Dahlbender an und erzählte ihm, dass ich pleite sei. Er erwiderte, dass er sich das gut vorstellen könne, denn er hatte die Zeitschrift mit meinem Titelbild vor sich auf dem Schreibtisch liegen. Ich sagte ihm, wenn ich je eine Prêt-à-porter-Kollektion in Deutschland machen würde, dann exklusiv für ihn, nur müsse er mir dann helfen. Zwei Tage später waren sie in Paris und der Vertrag dauerte vierzig Jahre an. Damit war ich wirklich der erste Pariser Haute-Couturier, der ins Warenhaus ging.

Natürlich konnte er mit meinem Nofretete-Look, den ich damals ihnen in Paris vorstellte, nicht viel anfangen. Die Einkäufer saßen bei mir auf den goldenen Stühlen in Paris und dachten wohl, das sei nicht das Wahre für die Filiale in Recklinghausen.

Im Frack zur Schaffermahlzeit

Bremen Eins: Morgen sind Sie zu Gast bei der Schaffermahlzeit und vermutlich bestens gekleidet. Haben Sie sich lange darauf vorbereitet?

Jürgen Michaelsen: Selbstverständlich, aber da bleibt ja nicht viel Fantasie übrig. Ein Frack ist ein Frack – er kann gut oder schlecht sitzen, aber ein Frack ist ein Frack.

Bremen Eins: Haben sie den extra anfertigen lassen oder hatten Sie den ohnehin?

Jürgen Michaelsen: Ich will jetzt keine Reklame machen, aber der kommt von Dior.

Bremen Eins: Sie leben ja wirklich schon sehr lange in Frankreich, gibt es Dinge aus Bremen, die sie immer noch vermissen?

Jürgen Michaelsen: Nein, aber ich habe nur schöne Erinnerungen an Bremen. Ich bin ja auch häufiger – vielleicht zweimal im Jahr – in Bremen. Ich habe hier noch Familie. Vermissen, nein, ich bin sehr glücklich in Paris. Es gibt natürlich bestimmtes Essen, das ich nicht in Paris bekommen kann. Aber den Braunen Kohl kriege ich morgen auf der Schaffermahlzeit. Aber Dinge aus Bremen vermisse ich eigentlich nicht.

Bremen Eins: Jedes Jahr treffen Sie sich mit Ihrem Jahrgang aus dem Hermann-Böse-Gymnasium. Wie begegnen Ihnen ihre ehemaligen Schulkollegen? Kommt da der große…?

Jürgen Michaelsen: Nein, nein! Vielleicht von meiner Körpergröße mit 1,92 Metern. Jeder von uns hat seine Karriere gemacht – wir sind Schulkameraden. Die meisten sind in Bremen geblieben, das ist das Schöne, sie sind Rechtsanwalt, Notar, sie sind Bankdirektoren geworden.

In der Schulzeit hatte ich schon sehr viel Fantasie und war im Theater am Goetheplatz tätig in der Statisterie: Ich war also immer schon so ein bisschen Außenseiter für die anderen. Das hat sie also nicht groß erstaunt, was ich in Paris gemacht habe.

Bremer Klaben für Christian Dior

Bremen Eins: Jahrgang 1935, man könnte sagen, dass Sie ein entspannter Mann im Ruhestand sind und eigentlich nichts mehr auszustehen haben. Ganz so ist das aber nicht, denn ein Projekt brennt Ihnen tatsächlich noch auf den Nägeln?

Jürgen Michaelsen: Ja, ich war in einem meiner Häuser in Südfrankreich im Juni und saß nach dem Frühstück unter einer schönen Platane. Meine Haushälterin oder Köchin kam auf mich zu und hatte meine Rezeptsammlungen unter ihrem Arm. Sie sagte: "Monsieur, wir haben heute Gäste!" Ich musste das Menü zusammenstellen, was ich immer gerne mache.  Ich guckte in meine Kochbücher und sah gewisse Rezepte, die in mir glückliche Erlebnisse mit einigen Menschen hervorriefen. Da dachte ich, warum ich das nicht einfach aufschreibe.

Die erste Geschichte stammt aus der Zeit, als ich bei Christian Dior angefangen habe. Christian Dior sagte einen Tag vor Weihnachten: Es ist das erste Mal, dass Sie nicht zu Hause bei Ihrer Familie sind. Fahren Sie nach Hause. Er rief nach seiner Sekretärin Josette. Sie brachte eine Flasche Miss Dior Eau de Toilette, und er sagte, dies ist ein Geschenk von mir an ihre Mutter", die er überhaupt nicht kannte. Ich kam nach Bremen zurück mit der Flasche Christian Dior. In Bremen war große Aufregung, und alle fragten sich, was tut man für Christian Dior – Christian Dior hat alles. Ich wusste, dass er sehr gerne aß, er war ein Feinschmecker. Meine Mutter schnitt den zu Weihnachten gemachten Bremer Klaben in zwei Stücke und ich nahm ein Stück zurück mit nach Paris und habe es Christian Dior gegeben. Dieser wurde von Christian Dior und mir mit einer zehnmaligen Auf- und Abfahrt im Aufzug verspeist. Und das ist eine der Geschichten: Auf der linken Seite haben sie das Rezept des Bremer Klabens und auf der anderen Seite die Geschichte mit Christian Dior. Meine Idee ist, diese Art von Geschichten einmal aufzuschreiben und als Buch zu veröffentlichen.

Das Interview führte Britta Uphoff

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 8. Februar 2018, 11:20 Uhr.

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